• Es gibt kein Verfallsdatum für die besten Jahre: Warum Geburtstage kein Weltuntergang mehr für mich sind

    Ich bin heute 35 geworden. Damit liege ich nun ganze fünf Jahre über jener magischen Grenze, die Frauen früher unweigerlich in die Kategorie „verbraucht“ einsortiert hat. Ob mir vorhin zum Heulen zumute war, während ich die Geburtstagskerzen ausgepustet habe? Früher, ja. Heute nicht mehr.

    Ich würde lügen, wenn ich sage, meine Einstellung zum Älterwerden war schon immer so, wie sie jetzt ist. War sie nicht. Natürlich nicht. Wie sollte sie auch? Die Panik vor dem Verfall wurde mir im Grunde schon im Grundschulalter eingetrichtert. Bevor ich überhaupt ein Gefühl für meinen eigenen Körper entwickeln konnte, wusste ich schon, was Winkearme, Hängebacken und Zornesfalten sind. Meine Mutter hatte diese Dauerpanik damals im Abo bestellt. Auf Hochglanzpapier gedruckt. An die Headline auf dem Cover einer InStyle aus den frühen 2000er-Jahren kann ich mich bis heute noch sehr gut erinnern: Anti-Aging: Mit 25 Jahren geht’s los. Mit 14 hat sich dieser Satz unweigerlich in meinen Kopf eingebrannt. Und vermutlich auch in den meiner Mutter. Ich habe sie in meiner Teenagerzeit unzählige Male in die Parfümerie begleitet, um irgendein neues Wundermittel gegen die Zeit zu besorgen. Ihr Weg führte immer geradewegs zu dem Regal mit den teuersten Cremes, die einem im Grunde nur eins verkaufen sollten: Angst. Die Angst davor, dass man irgendwann sieht, dass man lebt. Wenn ich heute daran zurückdenke, tut mir mein jüngeres Ich fast ein bisschen leid. Was für ein Stress. Wofür? Für Männer? Für ein unsichtbares Regelwerk, nach dem keiner gefragt hat? Aber woher sollte ich es auch besser wissen, wenn einem von außen immer wieder etwas anderes vermittelt wird? Meiner Mutter mache ich keinen Vorwurf. Denn auch sie ist als junges Mädchen in die Falle der ewigen Jugend getappt.

    Geburtstage waren aus diesem Grund bis in meine späten Zwanziger hinein das Schlimmste für mich. Weil mir wieder bewusst wurde, dass ich wieder ein Jahr älter und noch näher am gesellschaftlichen Verfallsdatum dran bin. Was mir damals leider niemand gesagt hat, schon gar nicht meine Mutter: Mit den Jahren verliert man vielleicht an Spannkraft und es tauchen plötzlich Falten auf, wo vorher keine waren. Aber, mal abgesehen von der Schönheit, die sich auf die reine Optik bezieht: Was ist mit der Schönheit des Lebens? Warum sollten sich meine besten Jahre nur auf meine Zwanziger beschränken? Weil ich da jünger, frischer und glatter aussehe und mein Nacken nicht herumzickt, wenn ich wieder auf dem falschen Kissen geschlafen habe? Die beste Zeit ist immer. Auch jetzt, während ich diese Worte tippe und Geburtstagstorte esse. Um 8:30 Uhr am Morgen. Es gibt keine Altersbeschränkung. Warum sollte ich mir auch nur eine Sekunde länger meine eigene Lebenszeit vermiesen, nur weil meine Brüste über die Jahre still und heimlich vom 10. ins 8. Stockwerk gewandert sind und die Falten um meine Augen sich nicht mehr auf sowas wie „Du hast einfach zu wenig getrunken“ schieben lassen?

    Es ist ja nicht nur der optische Druck. Es ist auch der zeitliche Druck, der auf den Schultern von jungen Frauen wie mir gelastet hat und es auch immer noch tut. Mit Anfang 20 war ich ständig damit beschäftigt, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Ich dachte wirklich, man müsste mit 30 sein gesamtes Leben fertig durchgespielt haben: Karriere, Beziehungsstatus, durchoptimierter Körper, gesellschaftstaugliches Gesicht, Traumwohnung. Jetzt, mit 35, weiß ich: Das Leben hört mit 30 nicht auf. Auch muss es bis dahin nicht durchgespielt sein. Es darf auch einfach passieren. Damit meine ich nicht nur die Falten in unseren Gesichtern, ich meine auch die Wünsche und Träume, die mit Erreichen der 30er nicht einfach stoppen. Weil die Zeit jetzt angeblich abgelaufen ist. Das Älterwerden ist keine Strafe. Es ist ein absolutes Privileg, das vielen verwehrt bleibt. Jeder Geburtstag, jede neue Linie im Gesicht und jede Veränderung des Körpers bedeuten heute für mich schlichtweg eins: Ich bin noch hier. Ich darf wachsen, lernen, scheitern, wieder aufstehen und das Leben in all seinen Facetten weiter erleben. Ohne Grenzen, ohne Zielgerade.

    Die teuerste Creme der Welt kann einem keine Lebenszeit kaufen. Schon gar keine Lebensfreude. Sie raubt sie einem eher. Heute blicke ich in den Spiegel und sehe kein Verfallsdatum mehr. Was ich sehe, ist eine Frau, die sich von dem befreit hat, woran ihre eigene Mutter noch zerbrochen ist: An dem Glauben, dass unser Marktwert mit jedem Geburtstag sinkt, dass wir ab 30 bitte leise oder sesshaft werden sollten und dass unsere beste Zeit jetzt endgültig vorbei ist. Der Anfang vom Ende ist diese Ära für mich ganz sicher nicht. Sie ist das Ende von einem Diktat, dem wir uns viel zu lange gebeugt haben.

  • Wie Smart Glasses uns Frauen die letzte Möglichkeit auf ein „Nein“ nehmen

    Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal nicht nur im Hinblick auf die hohen Temperaturen froh darüber, wenn der Sommer endlich vorbei ist. Mit den kürzer werdenden Tagen, dem grauen Himmel und der frühen Dunkelheit, die bald wieder über uns hereinbricht, kommt für mich als Frau auch die beruhigende Gewissheit, dass die Saison der Sonnenbrille erst mal gelaufen ist.

    Hinter den Sonnenbrillen vieler Männer verbirgt sich immer öfter eine Technologie, die den öffentlichen Raum für uns Frauen zu einer noch größeren Bedrohung macht: Smart Glasses. Äußerlich unterscheiden sich die Modelle kaum von normalen Sonnenbrillen oder Sehhilfen. Die Minikameras, Mikrofone, Lautsprecher und kleinen Displays sind auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Und genau das macht sie auch so gefährlich. Sicher, nicht jeder Mann, der Smart Glasses trägt, ist ein Voyeur, Perverser oder völlig Bekloppter. Manche wollen vielleicht wirklich nur den Sonnenuntergang filmen, auch wenn mir das als Frau immer schwerer zu glauben fällt. Ich habe schon zu viel selbst erlebt, gehört, gesehen und gelesen. Da wären etwa die Vorfälle an Hochschulen wie der HWR Berlin, der Universität Freiburg oder der Universität Mainz, wo versteckte Mini-Kameras in Damentoiletten gefunden wurden. Oder was ist mit den Aufnahmen aus Saunabereichen und Schwimmbädern, die immer öfter publik werden? Auch der Blick in die USA, wo sogenannte Pick-up-Artists an gefühlt jeder Ecke lauern und die Videos ihrer Opfer anschließend auf Social Media veröffentlichen, macht deutlich: Diese Bedrohung ist kein Einzelfall, wie es im Zusammenhang mit Frauen doch immer so gerne gesagt wird. Es ist bittere Realität.

    Ein kurzer Knopfdruck genügt und schon werden Umgebung und Menschen gefilmt oder fotografiert. Ohne, dass wir etwas davon mitbekommen. Smart Glasses werden so zum Werkzeug für eine völlig neue Form der Gewalt gegen Frauen. Klassische Übergriffe im öffentlichen Raum, etwa ungefragtes Anfassen, Hinterherpfeifen oder Nachlaufen, waren bisher immer sichtbar. Frauen konnten darauf reagieren, Abstand nehmen, ausweichen und Hilfe holen. Smart Glasses hingegen lösen genau diese Grenze auf. Der Übergriff wird kontaktlos, lautlos und für das Umfeld nur schwer nachvollziehbar. Männer müssen in Zukunft also weder sprechen noch physische Grenzen überwinden, um Gewalt auszuüben. Wer Smart Glasses besitzt, erzeugt einfach eine künstliche Nähe, die kein Einverständnis mehr voraussetzt. Ganz nach dem Motto: Ich nehme mir einfach, was ich will. Damit nehmen Männer uns aber nicht nur unser Nein, sie berauben uns auch (wieder mal) unserer hart erkämpften Selbstbestimmtheit.

    Was ich mich frage: Warum besteht überhaupt dieser schier unstillbare Drang, Frauen im öffentlichen Raum heimlich aufzunehmen oder zu fotografieren? Ist der Playboy schlicht zu teuer geworden? Sind die Millionen frei zugänglichen Pornos im Netz mittlerweile so langweilig, dass sie keinen wirklichen Reiz mehr bieten? Oder ist es der banale Wunsch nach Macht und Dominanz, gepaart mit der Lust am Verbotenen und Exklusiven? Material aus dem Internet gehört einem nicht im selben Maße wie das heimlich erbeutete Bild der Frau aus der U-Bahn, dem Café oder dem Fitnessstudio, die man insgeheim vielleicht schon so lange anhimmelt. Ein schnelles Foto in der Straßenbahn wird so zum privaten Sammlerstück, das kein anderer hat. Bei diesen Alltagsaufnahmen allein bleibt es oft aber nicht. In Kombination mit KI-Tools bekommen diese heimlichen Schnappschüsse eine völlig neue Dimension. Mit sogenannten Undress-AIs und Deepfake-Generatoren wird aus dem schnellen Foto aus der U-Bahn binnen Sekunden eine täuschend echte Nacktaufnahme oder ein Porno. Mithilfe der KI baut sich der Täter seine ganz eigenen, maßgeschneiderten Obsessionen. Das Perfide daran? Das Material bleibt selten privat. Über das Smartphone landet es rasend schnell in geschlossenen Telegram-Gruppen oder Foren, wo die Deepfakes getauscht, kommentiert und bewertet werden. Aus einer Frau im öffentlichen Raum wird so innerhalb von Minuten ein digitales Objekt in einer Männerrunde. Sich juristisch gegen die Aufnahmen zu wehren, ist schwer bis unmöglich. In Deutschland wird bereits über ein Verbot diskutiert. Doch der Bundestag hinkt der Technologie wie immer hinterher. Statt Gesetze zu schärfen oder anzupassen, verliert sich die Debatte lieber in Kleinigkeiten. Etwa in der Frage, ob eine winzige LED-Leuchte als Schutzmechanismus ausreicht. Dabei gibt es bereits eine klare Regel: Kameras oder Aufnahmegeräte, die sich als Alltagsgegenstände wie etwa Kugelschreiber tarnen, sind verboten. Bei Smart Glasses tut die Regierung bisher aber so, als handle es sich bloß um ein harmloses Accessoire. Wie kann das sein?

    Während Männer die letzten Sommerwochen oberkörperfrei im Park verbringen, U-Bahn in körperbetonten Tank-Tops fahren oder irgendwo in ihrer knappen Badehose die Aussicht auf den See genießen, werden Frauen ihre Umgebung ab sofort noch genauer scannen und sich dabei folgende Frage stellen müssen: Blickt der Typ da drüben einfach nur ins Leere, oder nimmt er mich gerade auf? Dabei wäre die viel wichtigere Frage doch: Wann übernimmt die Politik endlich Verantwortung für unsere Sicherheit?

  • Über Zehenhaare, 30 Grad im Schatten und die verdammt befreiende Erkenntnis, dass sich kein Mensch für deine Oberschenkel interessiert

    Wie viele Sommer ich früher damit verbracht habe, mir Gedanken über mein Aussehen zu machen, kann ich gar nicht genau sagen. Es waren verdammt viele. Zu viele. Es waren Junitage, an denen ich mir einredete, dass eine lange Hose aus dickem Denim eine hervorragende Idee sei, weil die Oberschenkel im Sitzen ja bekanntlich die unhöfliche Angewohnheit haben, sich der Schwerkraft breitbeinig anzupassen. Und es waren Augusttage bei über 30 Grad, an denen ich lange Ärmel wählte, nur um meine Oberarme vor der Öffentlichkeit zu schützen. Vor Menschen, die (Überraschung!) ohnehin viel zu sehr mit der Hitze und vielleicht auch den eigenen Komplexen beschäftigt waren, um meinen Pickel am Rücken, meine Besenreiser auf den Oberschenkeln und meine Falten auf den Knien zu bemerken.

    Sommer bedeutete für mich nie nur Sonne, Eis und lauwarme Abende. Diese Monate verursachten auch über viele Jahre hinweg eine leise, stetige Panik in mir: Ist diese Hose zu kurz? Sieht man meine Oberschenkel zu doll? Sollte ich bei der Hitze nicht doch lieber eine Langarmbluse tragen, um meine Arme zu verstecken? Wir kennen sie alle, diese unsichtbaren Vergleiche mit Schönheitsidealen, die wir irgendwann und irgendwo einfach ungefragt adaptiert haben. Aus Zeitschriften, aus Werbeanzeigen, vor allem aber aus Reels und Fotos auf Social Media. „Ideale“, mit denen wir uns jeden Morgen aufs Neue im Spiegel vergleichen. Das Absurde daran: Wir verschwenden so viel Zeit damit, in irgendeine gesellschaftliche Schablone zu passen und vergessen dabei völlig, dass wir Frauen im Durchschnitt nur 83 Sommer in unserem Leben erleben. Männer statistisch gesehen sogar noch weniger: 79, um genau zu sein. Wenn es gut läuft. Warum also auch nur einen Sommer noch länger an zu viel Stoff und zu viele Gedanken verschwenden?

    Dein Körper braucht keine Erlaubnis, um im Sommer existieren zu dürfen. Er darf einfach sein. So wie er ist. Das Problem ist nur: Das ist leichter gesagt als getan. Wir haben gelernt, unseren Körper an Bedingungen zu knüpfen: „Ich trage ein bauchfreies Top, wenn ich 5 Kilo abgenommen habe.“„Ich ziehe das Kleid an, wenn meine Beine straffer sind. Und ich werde das Top anziehen, sobald meine Arme nicht mehr wackeln.“ Hand aufs Herz: Wie viel Überwindung hat es dich heute Morgen gekostet, deine Oberarme, deinen Bauch oder deine Brüste vor dem Spiegel zu ignorieren? Und einfach das Kleid überzuwerfen, das du tragen würdest, wenn dein Kopf zur Abwechslung einfach mal die Klappe halten würde? Warum schwitzen und sich unwohl fühlen, wenn du genauso gut einfach leben kannst? Wenn dir warm ist, dann trag die kurzärmlige Bluse. Trag das Trägershirt. Trag das luftige Kleid. Und wenn es sich gut anfühlt, lass den BH einfach weg. Und bitte auch diese enge Bauchweg-Hose, die dir eigentlich den letzten Nerv raubt. Draußen brennt die Luft, der Asphalt flirrt, und wir stehen dort und reden uns ernsthaft ein, dass unperfekte Knie oder weiche Oberarme der Gesellschaft nicht zuzumuten sind. Merkst du, wie absurd das alles ist? Du leidest aus Angst vor Blicken, die in neunundneunzig Prozent der Fälle überhaupt nicht existieren. Niemand am Badesee, im Park oder an der Eisdiele hat das Recht, deinen Komfort einzuschränken. Und die Wahrheit ist: Die meisten Menschen sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich Gedanken über deine Oberschenkel machen würden. Außer mir hat die drei Haare auf meinen großen Zehen (glaube ich) noch niemand bemerkt. Die habe ich über viele Sommer hinweg übrigens aus genau dieser Körperscham immer abrasiert. Als könnte sich jeden Moment jemand mit einer Lupe vor meine Füße werfen und rufen: „Habe ich es doch gewusst! Haare auf den Zehen!“

    Das Schönste, was du diesen Sommer tun kannst? Deine Selbstzweifel in den Urlaub zu schicken. Und zwar per One-Way-Ticket. Am besten in die Wüste. Und schick die Schönheitsideale, mit denen wir uns immer noch viel zu häufig herumärgern müssen, gleich hinterher. Ein Mensch ist nicht weniger gut oder schlecht, nur weil sein Oberarmumfang kleiner oder größer ist. Hol dir deine Sommer zurück. Du hast nur 83 davon. Vielleicht sogar weniger. Die Erinnerungen, die am Ende dieser Sommer bleiben, sollten nicht davon handeln, wie gut wir unsere „Makel“ kaschiert haben. Sie sollten davon handeln, wie laut wir gelacht haben, wie erfrischend das Eis war und wie frei wir uns gefühlt haben. Ob mit oder ohne Haare auf den Zehen.

  • Vom Mythos der schwer zu erobernden Frau (die einfach nur ihre Ruhe will)

    Ich wünschte wirklich, ich könnte an dieser Stelle zur Abwechslung mal von einer Frau erzählen. Aber es ist (wie so häufig) wieder mal ein Mann. Kaum hatte ich das Café betreten, fing ich den Blick von diesem Typen auf. Er musterte mich einen Moment länger als nötig, während er auf seinen Kaffee wartete. Ich dachte mir nichts dabei. Warum auch. Menschen gucken, starren, sind neugierig oder irritiert. Manchmal alles gleichzeitig. Was ich da noch nicht wusste: Für den Mann dort am Tresen war mein Besuch im Café keine beiläufige Begegnung, die in einem kurzen Blickkontakt münden und enden würde. Es war der Startschuss für eine Grenzüberschreitung in zwei Akten.

    Ich bestellte meinen Espresso, setzte mich an meinen Lieblingsplatz am Fenster und versuchte, mir keine weiteren Gedanken zu machen. Mein Radar (das komischerweise irgendwie alle Frauen im Umgang mit Männern zu haben scheinen) schlug aber natürlich direkt Alarm. Man sieht nur, wie sich jemand im Stuhl dreht oder einem in die Augen schaut und weiß sofort: Es wird gleich kompliziert. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Mann draußen eine Zigarette rauchte. Nach dem letzten Zug verlegte er seinen Platz ziemlich schnell nach drinnen und setzte sich an den freien Tisch links von mir. Kurz darauf fragte er mich schließlich, ob ich ein Ladekabel hätte. Ich verneinte knapp mit einem höflichen Lächeln und wandte mich wieder meinem Notizbuch zu. Das Signal war deutlich genug, dachte ich: Ich möchte meine Ruhe haben. Jedoch nicht für diesen Mann. Für ihn war es eine Einladung: „Was machst du denn da?“, fragte er mich. Ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg und sich mein Puls beschleunigte. In meinem Kopf lief die typische Abwägung ab: Ich will nicht unhöflich sein, will ihm aber auch keine Angriffsfläche bieten. Schon gar nicht möchte ich irgendetwas Persönliches von mir erzählen. Also antwortete ich höflich, aber bestimmt: „Ich mache mir Notizen für den Tag – und ich muss jetzt auch los.“ Ich packte meine Sachen und ging, obwohl ich eigentlich noch etwas länger bleiben wollte. Ich hatte aber einfach keine Lust auf eine Diskussion. Eine Diskussion, die ich schon zu oft geführt habe – mit Männern, die nichts verstanden haben und es vermutlich niemals werden. Auf dem Weg nach Hause kam ich trotzdem ins Grübeln: Hätte ich direkter sein müssen? War ich zu nett? Hätte ich mir das Lächeln sparen sollen? Später an diesem Tag, irgendwo zwischen Wocheneinkauf und Anwaltstermin, hatte ich den Mann dann auch schon wieder vergessen. Er mich allerdings nicht.

    Als ich etwas über eine Woche später wieder in meinem Café war, erblickte ich ihn erneut. Ein flaues Gefühl machte sich in mir breit. Aber ich wollte mich nicht vertreiben lassen. Das war auch mein Café. Ich blieb. Wieder kam er zu mir. Setzte sich jetzt sogar direkt neben mich. Wieder versuchte er, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Diesmal wartete ich nicht ab. Ich rückte von ihm ab und erklärte ihm ganz direkt, dass ich kein Interesse habe. Ein klares, deutliches Nein. Du und ich, wir würden spätestens an diesem Punkt den Rückzug antreten, uns kurz entschuldigen und gehen. Was tat dieser Mann? Er grinste mir ins Gesicht und sagte: „Du machst ja richtig einen auf hard to get.“ Mir verschlug es die Sprache. In diesem einen Satz steckte eine bittersüße Erkenntnis: Ganz egal, was ich jetzt auch sagen würde, er würde es nicht verstehen. Für ihn war mein Nein kein Nein. Es war eine Aufforderung zu einem Spiel ohne Mitspieler. Ich war wütend und fassungslos. Wollte ihm das Feld aber auf keinen Fall überlassen. Also schwieg ich. Und blieb auf meinem Platz sitzen. Irgendwann murmelte er etwas, eine Beleidigung vermutlich, und ging. Seither frage ich mich: Warum verstehen so viele Männer scheinbar kein Nein?

    Ich bin keine Disney-Prinzessin, die gerettet oder erobert werden möchte. Und ich bin kein bockiges Kind, das überzeugt oder umgestimmt werden muss. Aber warum verstehen das einige Männer (nicht alle!) scheinbar falsch? Ich glaube, das Problem ist, dass viele Männer von klein auf mit Narrativen aufwachsen, in denen Hartnäckigkeit belohnt wird. In Filmen, Büchern und Popsongs ist der Held meist derjenige, der das Nein der Frau ignoriert, weiterkämpft und am Ende doch ihr Herz gewinnt. Ein Nein wird in dieser Denkweise nicht als Grenze verstanden, sondern als Hürde, die es zu überwinden gilt. Mit allen Mitteln. Und selbst wenn wir die Sache mit dem Beziehungsstatus betrachten: Ich bin verheiratet. Aber muss ich erst auf einen anderen Mann verweisen, damit meine Grenze respektiert wird und ich in Ruhe gelassen werde? Was wäre, wenn ich Single wäre? Ändert das irgendetwas an meinem Recht, im Café einfach nur alleine einen Kaffee zu trinken? Nein. Der Beziehungsstatus ist irrelevant. Mein Nein? Nicht.

    Wann werden endlich auch die letzten Männer verstehen, dass Grenzüberschreitungen keine romantischen Heldentaten sind? Und dass ein Nein kein Verhandlungsangebot ist, kein Rätsel, das gelöst werden muss und kein sprichwörtliches „Die ist aber schwer zu haben“, das nach Umstimmung verlangt? Es ist eine Entscheidung. Und hinter dieser steht kein Komma. Dort steht ein Punkt.

  • Von Carbonara-Körper bis Pilates-Girl: Können wir bitte endlich damit aufhören, den weiblichen Körper ständig zum Thema zu machen?

    Es gibt Tage, da öffnet man das Internet und fragt sich kurz, ob man im falschen Film gelandet ist. Oder im falschen Menü: „Nennen wir ihn den Carbonara-Körper“, titelte die ZEIT vor ein paar Tagen online. Und plötzlich ist da diese neue Metapher für den weiblichen Körper geboren, nach der kein Mensch gefragt hat. Die These dahinter? In den Fitnessstudios ist wohl ein neues Selbstverständnis auf dem Vormarsch. Nicht mehr alle Frauen wollen zart, leise und skinny sein. Stattdessen dominieren „Stärke, Speck und gute Laune“ die Studios, heißt es. Was hier (nicht nur im Hinblick auf die Zutaten) als vermeintlich gehaltvolle Botschaft verkauft wird, hat bei genauerem Hinsehen aber nur eines: einen ziemlich schlechten Beigeschmack.

    Habt ihr im Feuilleton schon mal einen großen, soziologischen Essay über den Bratwurst-Bizeps von Männern gelesen? Oder eine tiefschürfende Kulturkritik über den Weißbrot-Torso des durchschnittlichen Mannes um die 50? Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Aber vielleicht hat mein Kopf all das auch einfach direkt unter unwichtig verbucht. Aber zurück zu den Fakten: Wenn Männer trainieren gehen, sich bewegen oder einfach ein paar Kilo mehr oder weniger wiegen, ist das schlichtweg … ihr Leben. Ein Mann mit Bauch oder Muskeln ist halt ein Typ, der entweder auf der Couch liegt oder seine Zeit gerne im Gym verbringt. Es wird keine große Sache daraus gemacht. Männer haben einfach einen Körper. Frauen? Nicht. Bei Frauen wird genauer hingeschaut und natürlich sofort ein absurder Stempel erfunden. Was gestern noch der Heroin Chic war, wird über das Pilates Girl ruckzuck zur Carbonara-Figur. Das Kuriose daran: Die Absicht dieser Artikel ist lieb gemeint. Man möchte Vielfalt feiern und sagen: Hey, du musst nicht hungern! Aber, und genau das ist der Punkt: Indem wir dem weiblichen Körper wieder ein neues und absolut absurdes Wortkorsett anziehen, bewirken wir leider das genaue Gegenteil davon. Wir machen den Körper schon wieder zum Projekt. Zum Thema. Zum Trend. Und Trends haben nun mal die nervige Eigenschaft, irgendwann wieder out zu sein. Das Problem daran? Hier geht es nicht einfach nur um das Comeback von Diddlmäusen oder Animal Prints. Es geht um unseren Körper. Und der lässt sich nicht einfach mal eben so nach Lust und Laune auswechseln. Es sei denn, man zahlt den bitteren Preis dafür. In Form von Hunger, exzessivem Sport, operativen Eingriffen oder Diäten. So positiv die Botschaft hinter dem Carbonara-Körper vielleicht auch gemeint ist: Sie reduziert uns am Ende doch wieder nur auf unser Äußeres. Klar, viele Frauen werden darüber nur müde lächeln und weiterklicken. Für viele andere wird genau diese Einordnung aber schnell wieder zur Falle. Und der Körper zum Gegner. Denn ganz egal, wie charmant das Etikett auch klingt. Begriffe wie Carbonara-Körper oder Clean Girl vermitteln Frauen am Ende nur, einfach nie genug zu sein. Egal, was sie tun. Und sie senden ein verheerendes Signal an junge Mädchen: Ihr Körper muss erst in eine dieser vorgeformten Schablonen passen, um in dieser Gesellschaft überhaupt stattfinden zu dürfen. Und das übrigens nur, weil schon wieder etwas zum Thema gemacht wird, was eigentlich kein Thema mehr sein sollte.

    Wisst ihr, welchem körperfixierten Thema wir stattdessen unsere volle Aufmerksamkeit schenken sollten? Jenem, bei dem der Körper einfach das sein darf, was er ist: ein Körper. Ich stelle mir eine Welt vor, in der unsere Oberarme, Oberschenkel, Bäuche und Brüste einfach mal keine Rolle spielen. Nicht pausenlos bewertet, analysiert oder zum Thema gemacht werden, sondern einfach sein dürfen. So, wie sie sind. Klein, groß, füllig, muskulös, zierlich und alles dazwischen. Dein Körper ist keine Leistungsshow, kein Trend-Piece und erst recht keine Carbonara. Er ist dein Zuhause. Er trägt dich durch lange Nächte, verregnete Montage, über vibrierende Tanzflächen und durch den überfüllten Supermarkt. Übrigens völlig unabhängig davon, was dir von außen suggeriert wird. Wenn du dich heute entschließt, ins Gym zu fahren: fein. Wenn du dir eine Carbonara mit ordentlich Käse kochen und auf der Couch essen willst: auch fein! Du und dein Körper müsst keine künstlichen Erwartungen erfüllen oder irgendwelchen Idealen hinterherlaufen. Denn das ist – um es mal ganz platt auf den Punkt zu bringen – ohnehin nur Quatsch mit Soße. Und der hat mir noch nie geschmeckt.

  • Über die Absurdität, das Leben auf später zu verschieben – und warum der beste Moment immer ein ganz normaler Dienstag ist

    Neulich stand ich vor meinem Kleiderschrank und habe mich gefragt, für wen genau ich den Seidenrock mit Paisleymuster eigentlich aufbewahre. Für die Hochzeit der Freundin im übernächsten Sommer? Für ein romantisches Dinner an einem lauen Juliabend, das vermutlich nie stattfindet, weil es an besagtem Abend schüttet wie aus Eimern? Oder einfach für eine vage, perfektionistische Zukunft, in der ich irgendwie eine elegantere und noch bessere Version meiner selbst bin?

    Wir haben uns angewöhnt, das Schöne für später aufzusparen. Für sogenannte „besondere Anlässe“. Für den perfekten Moment, der sich in den Köpfen vieler als ein romantisiertes Leinwand-Szenario festgesetzt hat. Aber was ist, wenn dieser Tag nie kommt? Oder, noch etwas pragmatischer betrachtet: Was, wenn später schlichtweg ausfällt, weil das Leben unvorhersehbar ist und man im schlimmsten Fall früher stirbt, als einem lieb ist? Am Ende würden wir wahrscheinlich beide ziemlich zerknittert dasitzen. Der Seidenrock und ich. Und müssten uns eingestehen, dass wir die besten Partys verpasst haben, nur weil uns kein Anlass gut genug schien. Dabei findet das Leben doch genau jetzt statt. Und nur weil heute vielleicht ein völlig unspektakulärer, leicht grauer Wochentag ist, heißt das keineswegs, dass er so bleiben muss. Man kann einen ganz normalen Dienstag nämlich mühelos in ein kleines Fest verwandeln: indem man den Seidenrock zum Beispiel einfach ins Büro ausführt. Oder zum Müllraustragen und Einkaufen. Indem man den Kaffee morgens aus dem filigranen Porzellan-Teeservice mit dem feinen Goldrand trinkt, statt aus dem abgeplatzten Ikeabecher aus Studizeiten. Oder indem man die Strohtasche, die sonst nur zwei Wochen im Jahr mediterrane Seeluft schnuppern darf, einfach mit zum Supermarkt nimmt.

    Dieses Muster liegt übrigens in der Familie. Meine Oma ist genau dieselbe Kategorie Mensch: Sie wartet seit Jahrzehnten auf die „guten Tage“. Auf jene seltenen Momente, in denen angeblich alles stimmt. Auch mit mittlerweile 96 Jahren. Doch wenn der Kalender dann endlich ein Jubiläum oder ein Festessen hergibt, bleibt die erhoffte Ekstase aus. Es fühlt sich oft genauso an wie der Dienstag davor. Warum? Weil die gigantische Erwartung die Realität im Grunde schon vorher erdrückt hat. Die Magie entsteht aber nicht durch das Warten, sondern durch das Machen: Trag die Hose. Nimm die gute Wäsche. Benutz das Parfüm, das eigentlich „zu schade für den Alltag“ ist. Zünde die teure Duftkerze an, füll das schöne Notizbuch mit all deinen Gedanken und hau‘ endlich den Nagel in die Wand, um dieses Bild aufzuhängen, das schon seit Jahren auf seinen großen Moment wartet. Und ja, damit sind auch die teure Handtasche und der geerbte Schmuck gemeint, die in ihren Stoffbeuteln tief hinten im Schrank vermutlich längst vergessen haben, wie sich Tageslicht überhaupt anfühlt. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn sie heimlich mit den Augen rollen. Wenn sie denn welche hätten.

    Jeder Tag ist im Grunde schon ein verdammt guter Tag. Du bist gesund, du bist lebendig, du atmest, du hast ein Dach über dem Kopf. Ich weiß, das kratzt gerade gefährlich nah an der klebrigen Wandtattoo-Kategorie. Aber die Wahrheit ist manchmal eben genau so simpel. Und der Tag wird garantiert noch ein bisschen schöner, wenn du dich endlich von dem Gedanken freimachst, dass es unbedingt den „perfekten Moment“ braucht. Den gibt es nicht. Und der Seidenrock wird auch nicht von allein vom Bügel hüpfen und „Der Tag ist gekommen!“ rufen. Wenn du auf den perfekten Moment wartest, wartest du im Zweifel ewig. Wenn du schon die Zeit mit Warten verplempern willst oder musst, dann bitte wenigstens im Seidenrock. Das bist du ihm und dir schuldig. Keine Ausreden mehr! Versprochen?

  • Renn nicht zu dm, Douglas & Co: Warum du nicht die 15. Gesichtscreme im Badezimmer brauchst, um dich schön zu fühlen

    Es beginnt mit einem harmlosen Versprechen auf TikTok oder Instagram. Eine Frau mit fast unverschämt perfekter Haut erklärt in einem dreißigsekündigen Reel, dass das Geheimnis für ihren makellosen Teint in einer Flasche mit durchsichtigem Serum liegt. Oder Gesichtsöl. Jedenfalls in irgendetwas, das man noch nicht besitzt. Und dann plötzlich unbedingt braucht. Erst recht, wenn Sätze wie „Renn‘ zu dm“, „Renn‘ zu Douglas“ oder Botox aus der Tube im Spiel sind. Ein Klick und wenige Tage später steht das neue Fläschchen auch schon im Badezimmerschrank. Es gesellt sich zu den drei verschiedenen Cleansern für glasartige Haut, dem chemischen Peeling, das man nur dienstags benutzt, der Retinol-Creme für die Nacht, der Hyaluronsäure für den Morgen und dem Sonnenschutz für jeden Tag. Und noch ein paar anderen Produkten, deren Existenz man bei all den anderen Anschaffungen aber fast schon wieder vergessen hat. Was dir auf der Verpackung und auch im Reel niemand erklärt? So oder so ähnlich wird es auch mit dem neuen Wunderprodukt laufen, in das du gerade all deine Hoffnung steckst. Und wieder wirst du dich fragen, was du falsch machst. Warum deine Haut nicht so porenlos, glatt, weich, frisch, strahlend und jugendlich aussieht wie die der Frau im Video. Und wieder wirst du dich schlecht fühlen. Und komisch. Vielleicht auch ein wenig alt. Vielleicht sogar sehr alt. Dabei bist du gar nicht komisch, alt oder unfähig, die Produkte richtig zu benutzen. Du hast ganz einfach verlernt, wie echte Haut aussieht und dass du all das eigentlich gar nicht brauchst.

    Mit 15 habe ich geglaubt, Haut ist porenfrei, faltenfrei, haarlos und makellos. Also ohne jegliches Anzeichen von echtem Leben, wenn man so will. Wenn ich die Frauen in den Hochglanzmagazinen oder Werbeblöcken sah und mich mit ihnen verglich, konnte ich nicht verstehen, warum ich trotz meiner mühsamen Routine nicht auch so aussehen konnte wie sie. Ich schrubbte, ich cremte, ich zupfte, ich rasierte, ich tat alles, um dieser Realität auch nur ansatzweise näherzukommen. Was ich damals noch nicht begriff: Das alles hatte nichts mit dem echten Leben zu tun. Genauso wenig wie die Versprechen, die uns heute über Instagram und TikTok gemacht werden. Der ultimative Realitätscheck sollte für mich aber erst Jahre später folgen. Bei meinem ersten Job als Praktikantin für ein großes Frauenmagazin im Jahr 2013. Ich assistierte gerade bei einem Shooting für eine Modestrecke und stellte halb schockiert, erleichtert und fast ein wenig enttäuscht fest: Diese Frauen sehen tatsächlich aus wie ich. Ich war also doch nicht so falsch, wie ich immer dachte. Wie es mir Werbung, Fashion Shows und Anzeigen in Zeitschriften vermittelten. Es sollte aber noch mal ganze zehn Jahre dauern, bis mein Selbstwert nicht mehr von meinem Rasierer, meiner Gesichtscreme oder meinem Peelinghandschuh abhängen sollte, sondern einzig und allein von mir selbst. Mit Ende 20 bekam ich eine Stelle als Beauty-Journalistin angeboten. Und hatte fortan die Tools und Produkte namhafter und begehrter Brands auf meinem Schreibtisch liegen. Über die Jahre habe ich mich durch so ziemlich alles durchgetestet, was es gibt. Von Augenpads über Seren bis hin zu LED-Masken und Mikrostromgeräten, die das Gesicht mit elektrischen Impulsen zum Zucken bringen, war wirklich alles dabei. Ob ich bessere Haut hatte? Ob ich jünger, frischer oder porenfreier aussah? Nein. Irgendwann musste ich ernüchtert feststellen, dass all das keinen nennenswerten Unterschied machte, obwohl auch mir auf Social Media etwas anderes erzählt wurde. Egal, wie sehr ich mich an die Gebrauchsanweisung hielt oder mir die Werbeversprechen gebetsmühlenartig aufsagte. Was ich in diesem Moment begriff, war: Ich folgte einem Ideal, dessen Ursprünge in Marketingabteilungen lagen – entworfen zwischen grauem Teppichboden und Neonlicht, um dort irgendwie den Zustand von Realität zu simulieren. Und uns das Gefühl zu geben, wir seien ungenügend.

    Aber wie fühlt man sich wieder normal in einer Welt, die das wahre Ich zu etwas erklärt hat, das nicht normal ist? Dazu zählen Poren und Falten übrigens genauso wie der Pickel auf dem Kinn. Dinge, die man uns so lange als Makel eingeredet hat, bis wir selbst daran geglaubt haben. Man fängt zum Beispiel damit an, das Badezimmer wieder als das zu sehen, was es ist: Ein Ort zum Wohlfühlen und kein chemisches Labor, in dem man gegen die Zeit oder gegen die von einer Milliarden-Industrie erzeugten „Fehler“ ancremt, die ohne uns gar nicht existieren würde. Indem sie uns einredet, das natürliche Gesicht und der dazugehörige Körper seien unfertige Projekte, die ständige Wartung und immer neue Produkte benötigten, schafft sie ein unendliches Bedürfnis und einen Markt, der von unseren Unsicherheiten, Ängsten und vermeintlichen Makeln lebt. Ein Markt, der uns zwar Schönheit verkaufen will und es mit einigen Ausnahmen auch tut, größtenteils aber vor allem am Profit interessiert ist. Gleiches gilt auch für viele Influencer:innen, die versuchen, uns immer noch etwas anderes einzureden. Warum sollten sie es auch anders machen? Dann gäbe es ja keinen Anlass mehr, auch nur irgendetwas davon zu konsumieren. Wenn man so will, wären wir ohne diesen ganzen Schönheitsdruck quasi wunschlos glücklich.

    Was ich gelernt habe? Das Gefühl, schön zu sein, wird sich nicht einstellen, wenn man vor einer Sammlung von 15 Fläschchen, Tiegeln und Tuben steht und im fahlen Badezimmerlicht darüber nachgrübelt, ob man nicht doch die 150-Euro-Creme hätte kaufen sollen, um alles in den Griff zu bekommen, was es nicht in den Griff zu bekommen gibt. Was wir wirklich müssen, statt wieder ein neues Produkt zu kaufen, das ein absoluter Gamechanger sein soll? Wir müssen anfangen zu verstehen, dass wir Gesicht und Körper in ein permanentes Krisengebiet verwandelt haben. Und dass unsere Haut ein atmendes, lebendiges Organ ist, das uns schützt – und keine sterile Benutzeroberfläche, die übrigens auch nie so aussehen wird. Egal, wie oft wir den Porensauger ansetzen, uns mit chemischen Peelings den letzten Funken Anstand wegätzen oder Make-up verwenden, das jegliche Form von Tiefe und Persönlichkeit aus unserem Gesicht radiert. Das Gefühl, schön zu sein, entsteht in dem Moment, in dem wir uns für uns entscheiden, statt nur für das, was wir im Spiegel abliefern sollen. Und wenn wir das nächste Mal zu der neuen Creme oder dem Serum greifen, von dem zurzeit alle reden, sollten wir kurz innehalten und uns Folgendes fragen: Mache ich das wirklich für mich oder weil es mir von außen gesagt wurde? Und was erhoffe ich mir davon? Möchte ich meiner Haut und mir etwas Gutes tun? Oder versuche ich gerade wieder nur, mich zu sabotieren, weil ich meinen Selbstwert von absurden Schönheitsidealen abhängig mache? Sich schön zu fühlen, ist am Ende des Tages eine Frage der inneren Unabhängigkeit, nicht der akribischen Schichtung von Produkten. Vielleicht sollten wir aufhören, unser Gesicht und unseren Körper wie einen Bug zu behandeln, der ständig behoben werden muss. Und anfangen, die Realität endlich wieder als das zu sehen, was sie wirklich ist: lebendig und herrlich unperfekt – mit all ihren Schattierungen, Falten und Linien.

  • Zwischen Holzköpfen und Holzschuhen: Wie ich mir ein Stück Freiheit erklappert habe

    Gestern habe ich mir einen kleinen Kindheitstraum erfüllt: Ich habe mir Clogs gekauft. Das mag für Außenstehende maximal lächerlich klingen, für mich war es aber ein großer Schritt. Ich erzähle euch, warum. In meinen Teeniejahren war ich mit meiner Mutter oft auf dem Stoffmarkt in den Niederlanden unterwegs. Nach unserem Streifzug war der Kofferraum ihres VWs randvoll. Mit Schätzen für sie und für mich. Ich hätte damals locker als Postergirl für Oilily durchgehen können. An einem heißen Junitag, nach einer eiskalten Cola und einem Pinocchio-Eis für mich, kamen wir noch an einem Schuhgeschäft vorbei. Und da standen sie: silberne Clogs. Während meine Mama gar nicht lange fackelte und ihre Geldbörse schon gezückt hatte, stand mir das Zögern ins Gesicht geschrieben: „Was werden die anderen denken?“ Mit meiner schlaksigen Statur, meiner Körpergröße, meiner blassen Haut und den rotblonden Haaren war es ohnehin schon nicht leicht für mich. Mit klobigen Holzschuhen an den Füßen würde ich mir keinen Gefallen tun. Also ließ ich sie stehen. An diese Schuhe habe ich seither immer wieder gedacht. Und an die Frage: Warum lassen wir uns eigentlich so verdammt viel von anderen verbieten? Mit 34 beschloss ich Anfang des Jahres dann ganz spontan, dass ich jetzt Clogs brauche. Es folgten falsche Größen, falsche Farben und der deprimierende Anblick eines ausrangierten, traurigen Paares vor meinem Rewe um die Ecke. Als ich die Suche schon fast aufgegeben hatte, passierte es. Da standen sie, in einem Trödelladen in Lüneburg. In meiner perfekten Farbe. Mit Nieten. Ungetragen. Für einen Preis, bei dem man nicht lange überlegt, sondern sofort die Karte zückt. Während ich den Text schreibe, trage ich die Clogs an meinen Füßen und freue mich wie verrückt. Warum ich euch diese Geschichte erzähle? Weil ich mir mit diesen Schuhen ein Stück jener Freiheit zurückgeholt habe, die ich mir damals verwehrt habe. Banal? Mag sein. Für mich ist das laute Klappern auf dem Asphalt jedoch der schönste Soundtrack meines neuen, kompromisslosen Selbstbewusstseins.

  • Von Anti-Aging zu Longevity: Können wir bitte einfach in Ruhe alt werden?

    Eigentlich ist unsere Haltung zum Älterwerden ein einziger, wunderbarer Widerspruch. Wir wollen das Drehbuch unseres Lebens bis zum finalen Akt auskosten: Mit weit über 70 in scharf geschnittenen Hosenanzügen ohne Gehstock durch unsere Nachbarschaft flanieren und über das Tanzparkett wirbeln, ohne dass uns hinterher die Knochen wehtun. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wollen möglichst alt werden. Aber? Bitte bloß nicht so aussehen.

    Das hohe Alter ist das erklärte Endziel, das sichtbare Altern dagegen immer noch die persönliche Niederlage, die es mit allen Mitteln zu verhindern gilt. Der Begriff dafür hält sich bereits seit vielen Jahrzehnten erstaunlich hartnäckig in unseren Köpfen: Anti-Aging. Höchste Zeit, ihn endgültig dorthin zu verbannen, wo er hingehört. Ins Archiv, gleich neben die anderen überflüssigen Optimierungsversprechen, für die das Leben schlicht zu kurz ist. Und wenn wir schon beim Entrümpeln unseres Vokabulars sind, sollten wir uns auch gleich von diesem neuen Lieblingsbegriff trennen, der gerade so adrett im weißen Laborkittel daherkommt: Longevity.

    Nun könnte man meinen, das kollektive Bewusstsein hätte einen Schritt nach vorn gemacht. LongevityLanglebigkeit. Wie das schon klingt. Smart, nach Silicon Valley und ein bisschen übermenschlich. Der Begriff verkauft uns die Erzählung, es gehe jetzt um Gesundheit, um Zellverjüngung von innen und das große, ganzheitliche Wohlbefinden, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben. Dabei ist Longevity im Kern auch nur Anti-Aging, trägt aber einen weitaus netteren Namen. Warum der Hype gerade so groß ist? Die Industrie hat längst verstanden, dass wir immun gegen „Faltenkiller“ geworden sind und nicht mehr länger gegen erfundene Defizite ancremen oder uns als alt und verbraucht abstempeln lassen wollen. Also wird die Sehnsucht nach Jugend jetzt eben als Hightech-Vorsorge verpackt – und zwar in jeder erdenklichen Form: Als zellregenerierende Hautpflege, maßgeschneiderte Injektionen, tägliche Pillen-Cocktails oder gleich als ganzheitliche Lebensphilosophie, für die man gut und gerne mehrere 1000 Euro hinlegen kann. Doch egal, wie gut Begriffe wie Biohacking oder Epigenetik in unseren Ohren auch klingen mögen. Das Ziel bleibt dasselbe: Die Zeichen der Zeit quasi auf Werkseinstellungen zurückzusetzen. Denn obwohl der Trend so herrlich nach aufgeklärtem Gesundheitsbewusstsein, Selfcare und Vorsorge klingt, kaschiert er am Ende doch nur die tiefe Angst vor dem Verfall. Wir optimieren uns unermüdlich, schlucken Kapseln, legen uns unter Infrarotlampen, tracken unseren Schlaf, unsere Atmung und unser Stresslevel. Wie hingebungsvolle Vollzeit-Optimierer:innen eines Körpers, der einfach nicht normal alt werden darf. Wir können uns das alles natürlich wunderbar schönreden. Beim Dinner enthusiastisch den Freunden davon erzählen, wie viel Lebensqualität wir plötzlich gewonnen haben, seitdem wir uns NAD+ Injektionen spritzen und den Tag mit fünfunddreißig exakt dosierten Pillen beginnen und beenden. Unter dem Deckmantel von „Longevity“ setzen wir uns im Grunde aber wieder nur einem neuen Optimierungswahn aus. Und dieses krampfhafte Ringen darum, alles richtig und vor allem gesund zu machen, kostet uns am Ende vermutlich genau die Jahre, die wir mühsam dazukaufen wollen. Und nicht nur das. Es raubt uns auch die Leichtigkeit, die das Leben überhaupt erst lebenswert macht. Wer sich abends im Restaurant lieber über die Länge seiner Telomere den Kopf zerbricht, statt einfach den Wein zu genießen und laut zu lachen, verliert genau jene Lebendigkeit, die wir mit all den Pillen, Infusionen und Co. so verzweifelt zu konservieren versuchen.

    Natürlich hat Longevity auch seine positiven Seiten. Es ist absolut richtig und wichtig, bis ins hohe Alter fit und gesund bleiben zu wollen. Und es ist großartig, dass wir heute die Möglichkeiten haben, mit den richtigen Übungen, Supplements und Routinen unseren Körper dabei zu unterstützen. Können wir bei alledem aber ein ebenso gesundes Mindset bitte nicht vergessen und einfach in Ruhe und ganz ohne Stress alt werden? Und zwar ohne dieses permanente, zermürbende Gefühl, ständig gegen irgendwas ankämpfen zu müssen und dabei unweigerlich in ein weiteres Körperextrem abzudriften? Sei es nun die Zornesfalte auf der Stirn oder das biologische Alter auf dem Papier. Die Longevity-Bewegung hat längst eine Stufe der Hysterie erreicht, auf der es um vieles geht – nur irgendwie nicht mehr um Gesundheit. Besonders deutlich sieht man es am Beispiel des Unternehmers Bryan Johnson. Ich möchte hier kein Bashing betreiben, aber: Dieser Mann ist 48 und sieht (trotz seiner glatten Haut, dem definierten Körper und den möglicherweise perfekten Blutwerten) aus wie das lebende Monument seiner eigenen Vergänglichkeitsphobie. Die Seele des Alterns – die Reife, die Gelassenheit, das Akzeptieren der Zeit und ihrer natürlichen Zeichen – ist einer klinischen Perfektion zum Opfer gefallen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mich befremdet das eher, als dass es mich fasziniert oder inspiriert. Ich würde mir viel lieber das Altersgeheimnis einer faltigen Nonna in einem Dorf irgendwo in Italien anhören, als so einem unnatürlichen wie extremen Beispiel zu folgen. Denn mit würdevollem und echtem Altern hat das in etwa so viel zu tun wie Astronautennahrung mit einer frisch gekochten Pasta al Pomodoro. Um gut und gesund zu altern, kommt es nicht nur auf die richtigen Supplements, Chirurgen, saubere Laborwerte und die akribisch gezählten Stunden Tiefschlaf an. Es braucht ein Fundament aus echter Gelassenheit, aus tiefer Zufriedenheit und sozialen Bindungen, die uns tragen. Was bringt uns die biologische und optische Jugend, wenn wir vor lauter Kontrollzwang vergessen, unbeschwert, vor allem aber lebendig zu sein?

    Der radikalste Akt der Selbstfürsorge ist heute vielleicht nicht das nächste Longevity-Protokoll, sondern das schlichte Eingeständnis: Dieser Körper darf auch mal müde werden. Er darf sich verändern. Und er darf alt werden, ohne dass wir uns dafür entschuldigen oder überall und jederzeit eingreifen müssen. Was wir bei diesem ganzen neurotischen Wahn völlig vergessen? Alt zu werden, ist kein Makel. Es ist ein Privileg. In einer Welt, in der Gesundheit ein fragiles Gut und das Leben oft erschreckend kurz ist, ist jede Falte um die Augen kein Versagen der Skincare-Routine oder der körperlichen Selbstfürsorge. Sie ist der sichtbare Beweis dafür, dass wir noch hier sind. Dass wir gelacht, geweint, die Sonne im Gesicht gespürt und schlaflose Nächte überstanden haben. Gleiches gilt für den Körper: Er ist kein fehlerhaftes Software-Update, das ununterbrochen kalibriert werden muss. Dass er vielleicht nicht mehr ganz so gelenkig ist, zeugt nicht von mangelnder Disziplin, es zeugt von seiner Loyalität. Er hat uns schließlich durch jede durchtanzte Nacht, jeden Sprint und jeden emotionalen Crash getragen. Dass der Atem hin und wieder etwas schwerer geht, ist kein Beweis für mangelnde Kondition oder einen überzeugten Sportmuffel. Es ist das Lebenszeichen eines Herzens, das uns schon durch unzählige emotionale Stürme, Liebeskummer und Triumphe geboxt hat. Statt den eigenen Körper aus Angst vor dem Verfall in ein steriles Dauerprojekt zu verwandeln, sollten wir ihn viel öfter feiern. Dafür, dass er diesen ganzen Irrsinn des Alltags überhaupt so mitmacht.

    Vielleicht sollten wir den Laborwerten und unseren Telomeren einfach mal wieder etwas weniger Beachtung schenken – und stattdessen dem echten, nicht immer so optimierten Leben. Denn am Ende des Tages ist die schönste Form der Langlebigkeit doch die, bei der wir vor lauter Leben ganz vergessen haben, die Supplements zu zählen. Meine 99-jährige Großmutter weiß vermutlich nicht mal, was Supplements sind, aber sie hat mir kürzlich den wohl besten Longevity-Hack überhaupt verraten: „Einfach öfter mal das Smartphone weglegen, Kindchen.“ Recht hat sie.

  • Warum ich beim Thema Frauenhass mehr Angst vor Frauen als vor Männern habe

    Wenn mich ein Mann kritisiert, herabsetzt oder gar versucht, bewusst kleinzuhalten, nehme ich das mittlerweile als Kompliment. Es ist der verlässliche Beweis dafür, dass ich Raum einnehme und die testosterongeladene Komfortzone meines Gegenübers bedrohe. Ein stumpfer Abwehrreflex, auf den mein mentales Immunsystem perfekt trainiert ist. Manchmal ist es anstrengend, aber es trifft nicht mehr so ins Herz. Der Hass einer Frau dagegen? Der lässt sich nicht so einfach weglächeln.

    Es passiert am Kaffeevollautomaten im Büro, beim Vorbeigehen auf der Straße, im Bus oder abends beim Reinkommen an der Bar. Man spürt es, noch bevor man es sieht: diese plötzliche, eisige Veränderung der Luft. Und dann ist da dieser eine Blick einer anderen Frau, der nur wenige Sekunden dauert. Ein Blick, der sich irgendwo in der hässlichen Grauzone zwischen offener Angewidertheit, kalkulierter Hochnäsigkeit und dieser mitleidigen, vermeintlichen Überlegenheit bewegt. Ein hocheffizienter Röntgenscanner, der dich innerhalb eines Wimpernschlags komplett zerlegt. Er prüft die Passform der Hose, die Höhe der Absätze, die Haltung der Schultern, das Selbstbewusstsein. Und das Urteil steht fest, noch bevor du überhaupt ein Wort gesagt hast: Wer glaubt sie eigentlich, wer sie ist?

    Ich wünschte, ich könnte schreiben, dass ich über diesen Dingen stehe. Dass meine feministische Sozialisierung mich nicht nur gegen das männliche, sondern auch gegen das Gift des weiblichen Hasses immun gemacht hat. Aber das wäre eine Lüge. Verpackt in ein schönes Seidenkleid von Ganni, Rouje oder Isabel Marant. Die Wahrheit ist, dass ich dieses Gefühl kenne. Sehr gut sogar. Zu gut. Nicht nur aus den Teenie- und Frauenkomödien der Nullerjahre, in denen für den Zickenkrieg stets ein fester Platz im Drehbuch reserviert war. Er ist ganz real. Auch in meinem Alltag. Nur, dass dieser Krieg im echten Leben kein unterhaltsames Popcorn-Kino ist. Er gleicht eher einer leisen, bitteren Tragödie, die man mit perfekt manikürten Fingern und starrem Lächeln austrägt. Während Männerhass oft die Subtilität eines Vorschlaghammers besitzt – laut, plump, leicht zu identifizieren –, operieren Frauen unter dem Radar. Wir beherrschen die Kunst, Gemeinheiten so fein zu dosieren, dass man den Stich erst auf dem Nachhauseweg bemerkt. Frauenhass kommt selten im Brüll-Modus daher. Er tarnt sich als „gut gemeinte Sorge“, als strategisches Übersehen im Meeting oder als jenes messerscharfe, süffisante: „Mutig, dass du dich das traust.“ Er steckt in dem kurzen, geteilten Blick zwischen zwei Kolleginnen über deinen Kopf hinweg, der dir signalisiert, dass du gerade die falsche Meinung oder das falsche Kleid trägst. Manchmal auch beides. Er zeigt sich in diesem kollektiven, lautlosen Einverständnis, mit dem Erfolge ignoriert werden. Sei es durch das demonstrative Schweigen in der Kaffeeküche oder das gezielte Ignorieren in den sozialen Netzwerken. Und er kriecht hervor, wenn eine vermeintliche Freundin eine tief sitzende Unsicherheit von dir vor Dritten als charmante Party-Anekdote verkauft: „Erzähl doch mal, wie panisch du deswegen gestern wieder warst, das war so typisch für dich!“ Serviert mit einem Lächeln, das dir das Recht nimmt, verletzt zu sein. Was ich persönlich besonders schlimm daran finde, ist, dass jede Frau mindestens eine Geschichte dieser Art parat hat. Und nein, das sind keine „Ich habe meine Tage und bin deshalb etwas zickiger als sonst“-Momente. Es sind Sätze, Worte, Blicke und Taten, die dich genau dort treffen sollen, wo du am verletzlichsten bist. Abgeschossen von der Seite, wo wir Schutz vermutet haben. Da, wo wir untereinander bedingungslose Solidarität erwarten. Und ich frage mich: Was haben wir aneinander getan, dass wir uns so hassen und das Leben so schwer machen müssen? Ist der Hass, der uns immer noch oft genug von Männern entgegenschlägt, nicht schon genug?

    Wir wurden in einer Welt groß, in der uns subtil beigebracht wurde, dass der Platz für Frauen an den Tischen der Macht begrenzt ist. Wenn es in einem Raum voll von Männern nur einen einzigen Stuhl für eine Frau gibt, dann wird die andere Frau im Raum automatisch zur existenziellen Bedrohung. Sie ist dann nicht mehr die potenzielle Schwester oder Verbündete, sondern die Konkurrentin, die dir deinen mühsam erkämpften Platz streitig machen will. Übrigens auch ohne Männer im Raum. Und außerhalb des Büros. Das Absurde an dieser Dynamik ist die historische Ironie: Während wir uns gegenseitig die Kronen vom Kopf schlagen, sitzt das Patriarchat mit einer Tüte Popcorn in der ersten Reihe und amüsiert sich prächtig. Besser könnte es für die alte Männerwelt gar nicht laufen. Wir reden von Emanzipation, schwächen uns aber lieber gegenseitig, statt das eigentliche Problem an den Haaren zu packen. Ja, auch an den eigenen. In der Soziologie gibt es dafür einen so treffenden wie bitteren Begriff: internalisierte Misogynie. Wir haben gelernt, den Blick der Männer zu übernehmen und ihn gegen uns selbst zu richten. Ein System, das so perfekt funktioniert, weil wir Frauen uns gegenseitig nach genau den Regeln kontrollieren, die uns eigentlich kleinhalten. Indem wir die ambitionierte Kollegin als „karrieregeil“ abstempeln, die Mutter in Teilzeit als „unambitioniert“ und die Single-Freundin als „unreif“, führen wir das Urteil dieser veralteten Männerwelt einfach nahtlos untereinander fort. Ich erinnere mich an Momente in meiner Karriere, in denen die härtesten Ellbogenstöße nicht etwa von den wenigen, älteren Männern in den Redaktionen kamen. Auch ich war darüber ziemlich überrascht. Wurde mir doch immer eingetrichtert, dass Männer der Feind sind. Woher der Hass stattdessen kam? Von den Frauen, mit denen ich die Magazine machte. Magazine wohlgemerkt, die von Frauen für Frauen geschrieben wurden und eigentlich genau das Gegenteil im Sinn haben: pures Empowerment. Diese Frauen hatten sich durch ein System gebissen, das von ihnen verlangt hatte, alles Weiche, alles vermeintlich Weibliche wie eine Rüstung abzulegen. Und jetzt ertrugen sie es kaum, dass eine jüngere Generation in wehenden Kleidern und mit knallrotem Lippenstift vorbeizog und sich genau denselben Raum nahm – ganz ohne sich dafür zu entschuldigen. Doch wer dieses Gift allein in älteren Generationen verortet, macht es sich zu leicht. Frauenhass braucht keine grauen Haare. Er ist von Anfang an da. Er ist der unsichtbare Begleiter, der uns von der Sandkiste im Kindergarten über die Pubertät und die Uni-Seminare bis hin zum ersten und letzten Job begleitet. Vielleicht, weil der Erfolg, die Freiheit oder das Selbstbewusstsein der anderen Frau uns oft einfach zu schmerzhaft an das erinnert, was wir selbst (noch) nicht erreicht haben oder uns schlicht nicht zu nehmen wagen. Wir hassen an anderen Frauen nämlich oft genau das, was wir uns selbst verbieten. Die Frau, die im Meeting laut ihre Meinung sagt, wird in unseren Gedanken schnell zur belehrenden Ziege. Die Frau, die ihre Sexualität offen und angstfrei lebt, degradieren wir zur billigen Selbstdarstellerin. Und während die Mutter, die nach drei Monaten wieder Vollzeit arbeitet, als Rabenmutter abgestempelt wird, gilt diejenige, die drei Jahre zu Hause bleibt, plötzlich als unemanzipiertes und arbeitsfaules Heimchen am Herd. Hass ist immer die bequemere Option, weil er uns die harte Arbeit der Selbstreflexion erspart. Aber er löst keine Probleme. Weder unsere eigenen noch die, mit denen sich Frauen in dieser Gesellschaft immer noch herumschlagen müssen. Er verstärkt sie nur.

    Aber wie verlernt man einen Blick, der in jeder anderen Frau zuerst eine Bedrohung wittert? Sicherlich nicht durch krampfhafte, falsche Harmonie. Wenn uns das nächste Mal der Erfolg, das Aussehen oder das pure Selbstbewusstsein einer anderen Frau triggert, hilft vielleicht ein kurzes Innehalten. Die Frage lautet selten: „Was bildet die sich eigentlich ein?“ Sie lautet fast immer: „Welcher ungelebte Teil von mir fühlt sich durch ihre Freiheit gerade so bedroht?“ Neid ist schließlich auch nur eine schlecht verpackte Form der Orientierung. Wir müssen uns nicht alle lieben. Himmel, nein! Frauen dürfen sich genauso unsympathisch, anstrengend oder inkompetent finden wie Männer. Wir brauchen kein rosa Bussi-Bussi-Dauerkuscheln. Aber wir brauchen ein neues, professionelles Minimum an Menschlichkeit: Solidarischen Respekt. Was ich mir wünsche? Frauen, die einander den Rücken stärken, ohne die Rocklänge der anderen zu bewerten. Frauen, die nicht tuscheln, wenn die Kollegin kinderlos Karriere macht. Oder die Nase rümpfen, wenn eine andere Mutter Vollzeit daheim bei ihrem Kind bleibt. Gleiches gilt für Frauen, die nur bei meiner Niederlage jubeln, aber bei meinem Triumph schweigen. Die eleganteste Form des Widerstands gegen die alten Muster ist es, den Spieß umzudrehen. Eine erfolgreiche Frau nimmt uns keinen Platz weg. Sie beweist uns nur, dass er da ist. Für jede von uns.