• Wer mit 56 wie 26 aussieht, schuldet uns Ehrlichkeit

    Ich scrolle durch Videos einer Frau, die deutlich älter ist als ich und doch aussieht, als hätte sie den Körper und das Gesicht einer sehr viel Jüngeren. Glatte Haut. Definierte Arme. Disziplin bis in die letzte Pore. Eine halbe Million Menschen schauen ihr dabei zu. Die Erklärung folgt zuverlässig: viel Schlaf, viel Wasser, Sport, bewusste Ernährung. Keine großen Geheimnisse. Eigentlich ganz einfach. Wirklich?

    Die Frau, von der hier die Rede ist, gehört zu einer neuen Sorte von „Vorbildern“ auf Instagram. Ich setze das Wort „Vorbild“ an dieser Stelle bewusst in Anführungszeichen, weil ein Vorbild für mich mehr mitbringen sollte als einen clicky Insta-Hook. Diese Frauen schmücken sich mit Schlagwörtern wie „authentisch“, „ehrlich“ und „ganz natürlich“. Sie schlafen viel, trinken Wasser, schwören auf natürliches Botox, essen clean und sehen dadurch mit Mitte 50 angeblich aus wie Mitte 20. Wenn das stimmen würde, was diese Frauen uns verkaufen wollen, müssten Schlaf und Bananenschalen gegen Falten inzwischen ein erfolgreicheres Anti-Aging-Mittel sein als jede Schönheitsklinik zwischen Hamburg und München. Tja. Ehrlichkeit verkauft sich eben einfach nicht so gut wie eine gut inszenierte Lüge.

    Altern als Frage der Haltung

    Über eine riesige Followerschaft hinweg wird die Idee verkauft, Altern sei im Grunde eine Frage von Disziplin. Wer es richtig macht, bleibt glatt, straff, faltenfrei. Wer es nicht schafft – na ja, offenbar selbst schuld. Das Problem daran ist nicht, dass eine Frau mit 56 gut aussehen und attraktiv bleiben will. Das Problem ist die Erzählung dahinter. Dieses hartnäckige Märchen vom „Alles ganz natürlich“. Ein Satz, der mich schwer an die frühen 2000er erinnert. Als Models uns noch erzählen wollten, dass sie ihren Body und ihren Teint dem Trinken von Wasser und ihren Genen zu verdanken haben.

    Es ist eine der erfolgreichsten Erzählungen unserer Gegenwart: Altern sei keine biologische Tatsache mehr, sondern eine Frage der Haltung. Wer ausreichend schläft, sich diszipliniert ernährt und regelmäßig Sport treibt, könne dem Lauf der Zeit nicht nur trotzen, sondern ihn gewissermaßen umkehren. In den sozialen Netzwerken wird diese Idee millionenfach verbreitet. Besonders wirksam ist sie dort, wo sie von Frauen jenseits der fünfzig verkörpert wird, die aussehen, als hätten sie die Zeit nicht nur angehalten, sondern übersprungen. Die Botschaft lautet: Seht her, es ist möglich, ich bin der lebende Beweis! Das ist natürlich völliger Blödsinn. Und das wissen diese neuen „Vorbilder“ ganz genau.

    Ich sehe so aus, weil ich es mir leisten kann“ verkauft sich einfach schlechter

    Was bei diesem ganzen Jugendwahn konsequent ausgeblendet wird? Geld. Viel Geld. Und das, was man sich mit Geld eben so alles kaufen kann, um so auszusehen: Treatments, Eingriffe, Arztbesuche, Personal Trainer, kosmetische Dauerbetreuung, Produkte. Dinge, über die nicht gesprochen wird, weil sie nicht ins Narrativ passen. Denn „Ich sehe so aus, weil ich es mir leisten kann“ verkauft sich einfach schlechter als „Dieses Make-up lässt mich rückwärts altern“, „Natural Botox“ oder „Meinen straffen Teint habe ich Bananenschalen zu verdanken“. Spoiler: Nein. Diese Dinge machen das ganz sicher nicht. Sonst wären die Dermatolog:innen und Schönheitschirurg:innen in Deutschland ganz schön arm, oder?

    Und dann wäre da noch das Thema Essen, bei dem ich fast einen Schreikrampf bekomme. Wenn Hüttenkäse mit Proteinpulver und ein paar Möhrchen als „Meal“ inszeniert wird, dann ist das kein gesunder Lifestyle, sondern eine sehr dünne – im wahrsten Sinne – Vorstellung davon. Vor allem für (junge) Frauen, die zusehen und denken: Ah, so sieht Kontrolle aus. So sieht Erfolg aus. So sieht Disziplin aus. Wenn ich das tue, dann kann auch so aussehen. Nein, auch das stimmt nicht. Es sieht nach krampfhaftem Verzicht aus. Nach Druck. Nach einem Körperbild, das mit „Balance“ ungefähr so viel zu tun hat wie Insta-Filter mit der Wirklichkeit. Uns wird genau das aber als normal verkauft. Und glaub mir: Das ist es nicht. Wenn du mit über 50 mehr auf deinen Körperfettanteil achtest als auf deine wahre Gesundheit und damit dann auch noch in den sozialen Medien prahlst, dass dein sichtlich untergewichtiger Körper quasi keine Fettpölsterchen an Bauch, Beinen & Co. hat, dann hast du ein wirklich ernsthaftes Problem. Und das lässt sich bestimmt nicht in irgendeiner fancy Praxis weglasern oder wegspritzen. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich weiß, wie eine Essstörung aussieht. Ich habe bereits seit meiner Jugend damit zu kämpfen.

    Gefährlich wird es dort, wo Realität geleugnet wird

    Was mir persönlich noch größere Sorgen bereitet ist dieser ständige Vergleich. 50‑plus wird an 26 gemessen – ein Maßstab, der weder biologisch noch logisch Sinn ergibt. Keine 65-Jährige sieht aus wie 26. Keine 65-Jährige wird je eine 26-Jährige sein. Nicht Optisch, nicht körperlich nicht mental und nicht psychisch. Egal, was sie dafür tut. Du siehst vielleicht etwas besser aus als der Durchschnitt. Herzlichen Glückwunsch. Die Realität lässt sich trotzdem nicht austricksen. Biologie ist kein Mindset. Altern ist kein persönliches Versagen. Und wer unbegrenzte Mittel in Optimierung steckt, sollte vielleicht nicht so tun, als hätte er gerade das Geheimnis des Lebens oder der Jugend entschlüsselt. Und genau dieser Vergleich, der permanent zwischen 56‑sein und 26‑aussehen‑wollen angesetzt wird, ist nicht inspirierend, er ist hochgradig toxisch. Es spielt keine Rolle, wie elegant man es „Balance“ oder „Bewusstsein“ nennt: Am Ende entsteht die Illusion, dass Alter nur eine Frage von Willenskraft sei. Dieses Narrativ reduziert ein ganzes Leben auf ein Schönheitsideal, das weniger mit Erfahrung, Kraft oder Persönlichkeit zu tun hat und mehr mit einem katalogisierten Körperstandard, bei dem junge Körper als universeller Maßstab gelten. Und alles, was davon abweicht, automatisch falsch, unzureichend oder zu alt und damit nicht begehrenswert erscheinen lässt. Age beautiful sieht für mich jedenfalls anders aus.

    Was in dieser Debatte oft unterschlagen wird, ist der ökonomische Aspekt. Jugend ist heute kein Zufall mehr, sondern ein Markt. Wer über entsprechende Ressourcen verfügt, kann sie verlängern, glätten, modellieren. Das ist kein Geheimnis und auch kein Skandal. Skandalös wird es erst dort, wo diese Realität geleugnet wird. Oder, um es einmal auf den Punkt zu bringen: Wenn ich mir OPs, Laser, Skinbooster, Shots, Trainer und tägliche Treatments leisten könnte – ja, Überraschung! – würde man mir mein Alter vermutlich auch weniger ansehen. Kris Jenner weiß, wovon ich spreche. Hast du dich schon mal gefragt, warum diese Frau mit 70 (!) aussieht, wie sie aussieht? Nun, Cremes, Seren, LSF und Wasser werden dafür wohl kaum gesorgt haben, sondern vielmehr erfahrene Hände, Tools und Treatments. Von innen und von außen.

    56 ist nicht 26!

    Neidisch bin ich übrigens nicht, auch wenn das sicherlich einige beim Lesen dieses Textes behaupten werden. Es ist die moralische Überhöhung, die mich stört. Dieses unterschwellige: Ich bin so, weil ich alles richtig mache. Und du bist nicht so, weil du es eben nicht genug willst. Doch. Oder um es mit den Worten der meisten Menschen zu sagen: Es fehlt mir nicht an Willenskraft, nicht an Wissen und ganz sicher nicht an Disziplin. Es fehlt mir an finanziellen Mitteln, um mir all das leisten zu können, was du dir – und deinen 500.000 Follower:innen – als vollkommen natürlich verkaufst. Wer sich Optimierung in diesem Ausmaß leisten kann, sollte vielleicht weniger über Haltung sprechen und mehr über Voraussetzungen. Denn Moral lässt sich leicht predigen, wenn man sie sich kaufen kann. Was diese „Vorbild“-Frauen letztlich antreibt, kann ich nicht genau beantworten. Geht es um Anerkennung, um die permanente Bestätigung eines Publikums, das den eigenen Wert in Likes und Kommentaren misst? Um das Überspielen einer tief sitzenden Unsicherheit, die selbst mit perfekter Haut nicht verschwindet? Oder ist es schlicht die Aussicht auf Ruhm, Geld und Einfluss – auf ein Geschäftsmodell, das eine hollywoodreife Illusion verkauft? Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Sicher ist nur: 56 ist nicht 26. Wer diesen Unterschied ständig weginszeniert, verkauft keine Inspiration, sondern eine Lüge – und nennt sie Disziplin.

    Altern ist kein persönliches Versagen

    Nicht nur die „Vorbilder“ selbst, auch Brands tragen übrigens eine große Verantwortung. Indem sie Menschen mit Millionen von Follower:innen eine Bühne geben, verkaufen sie nicht nur Produkte, sie verkaufen vor allem Bilder von scheinbarer Jugendlichkeit und makelloser Schönheit, die für die meisten unerreichbar sind. Nicht nur aus finanzieller, sonder vor allem aus realer Sicht. Die Konsequenz? Selbstzweifel, Essstörungen, ein verzerrtes Körperbild. Systematisch gefüttert von Algorithmen, die Perfektion und vermeintlich ewige Jugend belohnen, nicht aber Realität. Likes und Reichweite bestätigen einen Mythos, der suggeriert, jugendlich auszusehen und Erfolg zu haben sei allein eine Frage von Disziplin. Oder der richtigen Produkte. Während die finanziellen, körperlichen und technischen Voraussetzungen, die diese „Perfektion“ überhaupt erst möglich machen, verschwiegen werden.

    Ich wünsche mir weniger Erklärungen darüber, wie man jung bleibt. Und mehr Ehrlichkeit darüber, was es kostet – und zwar körperlich, mental und finanziell. Mehr Transparenz über den Preis, den Optimierung fordert und über die Illusion, sie sei für alle gleichermaßen erreichbar. Vor allem aber wünsche ich mir mehr Gelassenheit. Die Erkenntnis, dass Altern kein persönliches Versagen ist und Jugend kein moralischer Verdienst. Falten sind kein Charaktermangel und ein weicher oder fülligerer Körper ist kein Zeichen von Schwäche. Meine persönliche Produktempfehlung an diese sogenannten ü50 „Vorbild“-Frauen? Ehrlichkeit. Die wäre bei diesem ganzen Age-Brainwashing-Zirkus definitiv das wirksamste Produkt von allen. Dumm nur, dass es dafür weder einen Affiliate-Link noch einen 15 %-Rabattcode gibt.

  • Die Epstein Files als Beleg für käufliche Straflosigkeit

    In den vergangenen Monaten habe ich nichts so intensiv verfolgt wie die Epstein Files. Kein Buch, keine Serie, keinen neuen Film. Währenddessen ist mir vor allem eines klar geworden: Unser System ist krank. Sehr krank. Und, dass ich dringend mal etwas loswerden muss.

    Die Veröffentlichung der Epstein Files hat eine vertraute Reaktion ausgelöst: Aufmerksamkeit, Diskussion, Empörung. Und dann das, was in der digitalen Öffentlichkeit fast immer folgt: Müdigkeit. Die nächste Nachricht wartet bereits. Dabei wäre Wut angebracht. Nicht Neugier, nicht sensationsgetriebene Aufmerksamkeit, nicht das fast spielerische Durchforsten tausender Seiten nach bekannten Namen. Sondern Wut. Richtige Wut. Damit meine ich übrigens nicht die klassische Form von Wut. Ich meine Wut, die etwas in Bewegung setzt. Und zwar nicht nur den Finger auf dem Screen unseres Smartphones, um das nächste #epsteinfiles-Reel, den nächsten Post oder die nächste Story abzusetzen.

    Jeffrey Epstein war nicht allein

    Was die Epstein Files sichtbar machen? Es handelt sich nicht um einen singulärern Skandal und erst recht nicht um das isolierte Verbrechen eines einzelnen Mannes. Es ist ein Muster. Systemische sexuelle Gewalt in ihrer schlimmsten Form. Ermöglicht und geschützt durch Geld, Macht und institutionelles Schweigen. Über Jahre. Über Jahrzehnte. Wie lange genau? Das möchte ich ehrlicherweise gar nicht so genau wissen. Und Sie bestimmt auch nicht. Es würde ohnehin nichts ändern. Es würde die Krankheit und Perfidität unseres Systems nur noch deutlicher machen.

    Was mich persönlich besonders ohnmächtig macht: Jeffrey Epstein war nicht allein. Und er handelte nicht im luftleeren Raum. Er hatte Zugang und Schutz. Vor allem aber hatte er Netzwerke. Und selbst nach seinem Tod lebt dieses dunkle System weiter. Ein System, dessen Spielchen wir noch nicht einmal ansatzweise durchschaut und verstanden haben: in geschwärzten Akten, in juristischen Verzögerungen, in der auffälligen Abwesenheit echter Konsequenzen. Ghislaine Maxwell verbüßt seit 2022 eine 20-jährige Freiheitsstrafe. Eine Frau. Das soll ihren Anteil am Epstein-Skandal selbstverständlich nicht relativieren. Aber was ist mit all den Männern, die immer noch frei und ohne Konsequenzen da draußen herumlaufen? Donald Trump, Bill Gates, George Bush, Bill Clinton? Dass ausgerechnet diese Abwesenheit von Konsequenzen inzwischen kaum noch überrascht, ist vielleicht der beunruhigendste Punkt.

    Die Epstein Files zeigen, wie optional Konsequenzen geworden sind

    Wer die Epstein Files ließt, stößt nicht auf eine unerklärliche Ausnahme, sondern auf eine bekannte Logik der Macht. Wohlhabende, einflussreiche Männer nutzen ihre Ressourcen, ihre Kontakte und ihre gesellschaftliche Stellung, um Gewalt auszuüben – und um vor ihr geschützt zu werden. Nicht trotz des Systems, sondern durch es. Die Konsequenzen für dieses perfide Handeln? Liegen eigentlich auf der Hand. Eigentlich. In der öffentlichen Debatte richtet sich der Blick dennoch häufig in die falsche Richtung. Es wird gefragt, wie Epstein so lange „davonkommen“ konnte. Warum so viele Männer, die mit ihm in Verbindung standen, weiterhin Positionen innehaben, die ihnen eigentlich längst hätten entzogen werden müssen. Die Antwort ist unangenehm einfach: weil sie es konnten. Und: weil sie es immer noch können. Weil wir in einem System leben, das Verantwortung verschiebbar macht und Schuld verwaltet, statt sie zu ahnden. Was mir in den Monaten der Veröffentlichung ebenfalls aufgefallen ist: Statt der Männer sind es häufig Frauen wie Virginia Roberts Giuffre, die öffentlich gedemütigt, kritisiert und geghostet werden: „Warum behauptet sie das?“ – „Was bildet sie sich ein?“ – „Was denkt sie, wer sie ist?“ – „Als ob jemand mit so viel Geld sich mit so einer Frau abgeben würde.“ Ich möchte und kann mir gar nicht ausmalen, wie sich Virginia Roberts Giuffre und die vielen anderen Epstein-Opfer gefühlt haben müssen.

    Aber wie funktioniert dieses System eigentlich? Das werden wir vermutlich nie erfahren. Wer den Kopf jedoch für einen Moment vom Smartphone wegbewegt wird feststellen: Es braucht dafür gar nicht viel, außer vielleicht Menschenverstand und etwas Logik. Es arbeitet leise, nicht hörbar. Es versteckt Opfer hinter juristischen Formulierungen und Geheimhaltungsvereinbarungen. Es verwandelt Gewalt in „Kontroversen“ und strukturelles Versagen in bedauerliche Einzelfälle. Oder, um es kurz zu machen und auf den Punkt zu bringen: Eine Hand wäscht die andere. Wenn ich untergehe, gehst auch du unter. Und es verlässt sich darauf, dass öffentliche Aufmerksamkeit kurzlebig ist – dass Empörung verpufft, bevor sie gefährlich wird. Heute Epstein Files, morgen ein neuer Skandal: Putin, China, Dritter Weltkrieg, Iran – oder eine neue Pandemie. Vielleicht erklärt das auch die seltsame Gefühlslage, die viele beim Lesen der Epstein Files beschreiben. Keine echte Überraschung, eher eine resignierte Bestätigung. Man liest, nickt, denkt: So funktioniert Macht. Systemische Gewalt schockt nicht, sie wird erwartet.

    Haben wir verlernt, wütend zu sein?

    Die Welt ist nicht wütend genug. Warum? Weil sie gelernt hat, Information mit Handlung zu verwechseln. Wer liest, glaubt, informiert zu sein. Wer teilt, glaubt, Stellung bezogen zu haben. Doch Wissen allein erzeugt keine Verantwortung. Und Transparenz ohne Konsequenzen ist kein Fortschritt, sondern eine Beruhigungsstrategie. Was fehlt, ist nicht Material. Es fehlt die Bereitschaft, aus Erkenntnis Forderungen abzuleiten. Nicht nur nach Aufklärung, sondern nach struktureller Veränderung. Nach echter Rechenschaft. Nach einem System, in dem Reichtum, Einfluss und Bekanntheit nicht darüber entscheiden, ob Konsequenzen greifen – oder optional werden.

    Die Epstein Files dokumentieren nicht nur vergangene Verbrechen. Sie dokumentieren eine Gegenwart, in der diese Verbrechen sichtbar, benannt und dennoch folgenlos bleiben. Und sie stellen eine unbequeme Frage: Was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn selbst das Wissen um systemische Gewalt keine Wut mehr erzeugt – und ab welchem Punkt macht uns genau diese Gleichgültigkeit selbst mitschuldig?

  • Lauren Sánchez in Paris: Warum dieser Auftritt mehr über Geld als über Stil erzählt

    Prominenz und Couture treffen in Paris regelmäßig aufeinander. Doch nicht jeder Auftritt wird dadurch automatisch zu einem Statement, an das man sich gerne erinnert. Lauren Sánchez’ Dior-Kostüm ist so ein Beispiel: ein hübsches Zitat ohne eigene Stimme – sichtbar und perfekt fotografiert, aber bemerkenswert unbedeutend in seiner Aussage.

    Was John Galliano wohl durch den Kopf ging, als er Lauren Sánchez in einem von ihm entworfenen Vintage-Minikleid aus dem Jahr 1995 erblickte? Das wird vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben. Fakt ist: Wenn man von der Trägerin einmal absieht, hat der Look eigentlich alles, was man sich von einem großen Auftritt während der Pariser Modewoche verspricht: Geschichte, Handwerk, das Besondere eben. Wir reden hier schließlich von Dior – und von Galliano. Schade nur, wenn die Theorie aufregender klingt als die Realität.

    „Dior“ oder „Archiv“ genügen, um Bedeutung, Zugehörigkeit und Stil vorzutäuschen, könnte man meinen. In gewissen Kreisen mag dieser Gedanke auch aufgehen. Aber eben nicht in Paris. Und nein, auch dann nicht, wenn man den 4. reichsten Mann der Welt geheiratet hat. Und genau das ist das Problem. Trotz geschichtsträchtiger Vergangenheit, Schneiderkunst und großer Namen wirkte der Look bei Lauren Sánchez eher wie ein Amazon-Haul. Nicht Ausdruck von Stil, sondern ein Signal: Zugehörigkeit zur richtigen Sphäre, Nähe zur richtigen Marke, Präsenz am richtigen Ort. Kleidung zur Bestätigung von Status, nicht zur Formulierung eines eigenen Gedankens. Frei nach dem Motto: Ich habe, also bin ich. Mehr aber auch nicht.

    Lauren Sánchez ist nicht die Erste, die diesem Prinzip folgt. Kim Kardashian im Marilyn-Monroe-Kleid bei der Met Gala ist ein Paradebeispiel: Ikonisches Kleid, enorme Aufmerksamkeit, aber ein Auftritt, der mehr über Zugang als über Stilbewusstsein erzählt. Geschichte wurde nicht interpretiert, sondern getragen. Das Kleid fungierte vielmehr als Reliquie, nicht aber als Ausdruck individueller Haltung.

    Stil ist kein Besitzstand, kein Objekt, das man erwerben kann. So wie einen Bentley, eine Luxusvilla oder eine Yacht mit Pool und Hubschrauberlandeplatz. Geld verschafft zwar Nähe, Sichtbarkeit und Zugang, aber keine echte Intimität. Stil entsteht aus Instinkt, aus Kontext, aus dem Mut, Entscheidungen zu treffen. Nicht, weil man Milliarden auf dem Konto hat.

    So wird der Auftritt von Lauren Sánchez zu einem stillen Lehrstück über zeitgenössische Promi-Mode: sichtbar, privilegiert, aber ohne innere, eigene Haltung. Ein Look, der alles hat – außer Stil(gefühl). Ein Look der zeigt, dass selbst Couture bedeutungslos wird, wenn sie nur getragen und nicht verstanden wird.

    Am Ende bleibt kein Skandal, kein Fauxpas, kein modisches Desaster. Nur etwas vielleicht noch Unangenehmeres: Belanglosigkeit. Und das ist – gerade in Paris – die härteste Kritik von allen.

  • Warum Carrie Bradshaw eigentlich immer das Problem war

    Es gab eine Zeit, da wollte ich unbedingt so sein wie Carrie Bradshaw. Oder zumindest so leben wie sie: schreiben, rauchen, lieben, scheitern – und dabei aussehen, als wäre alles Teil eines größeren ästhetischen Plans. Carrie war mehr als eine Serienfigur, sie war ein Lebensgefühl. Sehe ich mir die Serie heute an, bleibt von der einstigen Verehrung nur noch Irritation übrig. Carrie Bradshaw funktioniert für mich nicht mehr. Sie verkörpert für mich etwas, das ich heute, mit 34 Jahren, sehr viel genauer benennen kann: emotionale Toxizität, verpackt in Tüll, Manolos und Wortwitz.

    Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Carrie eine Frau, die sich permanent selbst sabotiert und das als romantisches Schicksal verkauft. Ihre größte Liebe? Ein Mann, der sie ghostet, zurückholt, kleinmacht, wieder verschwindet und am Ende doch als große Seelenverbindung verklärt wird. Mr. Big ist kein tragischer Held, er ist ein Lehrbuchbeispiel für vermeidbaren Stress. Und Carrie? Bleibt. Immer wieder. Weil „es sich richtig anfühlt“. Spoiler: Das tat es nie.

    Glamour? Wohl eher ein Warnsignal

    Was früher wie große Liebe aussah, wirkt heute wie emotionale Abhängigkeit. Carrie analysiert ihr Innenleben unentwegt, aber nie mit dem Ziel, etwas zu verändern – stattdessen wird das Drama ästhetisiert und immer weiter aufgebauscht. Hübsch verpackt in einer Kolumne. Was diesen Punkt angeht, frage ich mich übrigens bis heute: Wie konnte sie damit überhaupt ihren Lifestyle, die vielen Dior-Stücke und Manolos finanzieren? Die Manolos. Ach, diese Manolos… Einen besseren Schuh konnte man sich für Carrie kaum ausdenken, finde ich. Irgendwie stehen sie doch sinnbildlich für ihre Lebensführung: teuer, instabil, schmerzhaft.

    Was Carrie besonders toxisch macht, ist jedoch etwas Subtileres: Sie romantisiert Dysfunktion. Sie verkauft Chaos als Tiefe, Unsicherheit als Leidenschaft, emotionale Unerreichbarkeit als Mysterium. Das ist gefährlich, weil es Generationen von Zuschauerinnen (inklusive mir) beigebracht hat, dass Liebe weh tun müsse, um echt zu sein. Dass Ruhe langweilig sei. Dass man sich selbst verlieren müsse, um etwas zu fühlen. Heute weiß ich: Girl – run, before it’s too late. 2026 leben wir (zum Glück!) in einer Zeit, in der wir Begriffe haben für das, was Carrie tut: Gaslighting (auch sich selbst gegenüber), People Pleasing, Bindungsangst, Co-Abhängigkeit. Heute weiß ich: Wenn man sich nach jedem Date weinend bei seinen Freundinnen auskotzt, ist das kein Glamour, sondern ein Warnsignal.

    Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln

    Das heißt nicht, dass Carrie „schlecht geschrieben“ ist. Im Gegenteil: Ich mag ihren Witz, und modisch inspiriert sie mich bis heute. Aber: Carrie Bradshaw ist längst kein Vorbild mehr, sondern Teil eines Narrativs, das schlecht gealtert ist. Ein Zeitdokument aus einer Ära, in der weibliches Leiden noch als sexy galt, solange es gut angezogen war. Vielleicht liegt die größte Entzauberung darin, dass Carrie nie wirklich erwachsen wird. Was mit Anfang 20 noch cool wirkt, lässt mich heute nur noch den Kopf schütteln. Über die Staffeln hinweg bleibt ihr Umgang mit Beziehungen nahezu unverändert. Sie analysiert, kommentiert, deutet – doch sie entscheidet selten. Carrie lebt von Variation, nicht von Veränderung. So entsteht kein Bogen, sondern ein langweiliger Kreislauf. Was sich ändert, ist der Schuh – nicht aber die Richtung.

    Dankbar bin ich Carrie trotzdem. Für ihren Witz, ihre Loyalität gegenüber ihren Freundinnen und ihren modischen Mut. Letzteren hätte ich mir aus heutiger Sicht auch abseits ihrer Garderobe gewünscht – nicht nur in Form von Cowboyhut zum Bandeautop oder Herrenhemd zu High Heels. 2026 wünsche ich mir andere Heldinnen. Solche, die nicht bleiben, nur weil sie hoffen. Die Liebe nicht mit Selbstverlust verwechseln und Fehler nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst suchen. Die lernen, dass Stärke nicht darin liegt, zu verharren, sondern darin, die eigenen Schritte zu wählen und ihnen zu folgen. Ob man auf diesem Weg nun Manolos trägt oder eben nicht.

  • Ein kleiner Schal erobert die Welt: Mette Wendelboe Okkels von PetiteKnit im Interview

    Sie hat es geschafft, einen kleinen Schal in ein globales Phänomen zu verwandeln: Für die erste Episode von Meet the Knitter habe ich Mette Wendelboe Okkels getroffen – die Gründerin von PetiteKnit und Schöpferin des inkonischen Sophie Scarfs.

    Kratzige Pullover, Socken mit gewöhnungsbedürftiger Passform und Strickjacken mit viel zu lagen Ärmeln – kurz: Stricken war lange Zeit ziemlich uncool, irgendwie muffig und altbacken. Nicht selten wurde beim Anblick von Nadeln und Wolle in der Vergangenheit Erinnerungen an Oma und die Bastel-AG in der Schule wach. Bis ein kleiner Schal aus Dänemark die Welt für sich eroberte. Ob im Büro, in den Fußgängerzonen, im Café oder in der Bahn. Egal, wo man dieser Tage auch hinsieht – ob nun nach Deutschland, Schweden oder Dänemark – der sogenannte Sophie Scarfschmiegt sich um die Hälse von Frauen und Männern, ja sogar Kinder und Hunde tragen ihn. Er ist mal Rot, mal Blau, Beige, Grün oder Grau und wird mit einem schlichten Knoten fixiert. Auch der französischen Vogue blieb das neue Trend-Accessoire „um stilvoll der Kälte zu trotzen“ nicht verborgen. Alles nur ein Hype, der schnell wieder vorüberzieht? Von wegen. Vielmehr der Anfang einer ganz großen Bewegung…

    Von der angehenden Ärztin zur Strickdesignerin

    Mette Wendelboe Okkels, die Designerin hinter dem Label PetiteKnit hat das Stricken nicht neu erfunden. Früheste Funde aus Ägypten lassen vermuten, dass das Handwerk schon im 3. bis 5. Jahrhundert praktiziert wurde. In Form von sogenanntem Nadelbinden. Ein Vorläufer der modernen Strickkunst, wenn man so will. Theoretisch stricken wir also schon ganz schön lange. Nur die Lust darauf ist uns in den vergangenen Jahrzehnten irgendwie vergangen. Und genau hier kommt Mette Wendelboe Okkels ins Spiel, die eigentlich Ärztin werden wollte. Nach zehn Jahren aber das Medizinstudium abbrach, um ihr Unternehmen zu gründen: PetiteKnit. Verrückt? Waghalsig? Vielleicht. Für Mette war es der einzig richtige Weg. 

    Dass die Dänin mit dieser Entscheidung einmal Millionen von Menschen wieder zum Stricken bringen und dem Handwerk neues Leben einhauchen würde, damit hat sie wohl selbst kaum gerechnet: „Im Sommer 2022 wollte ich ein kleines Tuch stricken, das zu allem passt. Es brauchte ein paar Versuche, bis der Ablauf des Musters wirklich stimmig war. Als es schließlich erschien, wurde es sofort ein Bestseller. Ich habe so viele Menschen – Männer wie Frauen – gesehen, die den Schal überall in der Stadt trugen und bald auch überall sonst, wo ich hinkam“, verrät sie mir.

    Stricken als Gegenbewegung zum Schneller-Höher-Weiter

    Gegründet hat sie ihr Label PetiteKnit im Jahr 2016 in Risskov in Aarhus. Damals wurde das Hobby noch belächelt und nicht selten mit eifrigen Großmütterchen im Ohrensessel in Verbindung gebracht. Heute? Sieht das Bild anders aus. Junge Erwachsene und selbst Teenager:innen greifen wieder zu Nadel und Faden. Dank Mette und ihrem Sophie Scarf. Viele fragen sich sicher, warum. Gestrickt wurde schließlich schon immer. Mette ist es mit ihrem kleinen Schal jedoch erst gelungen, die Scheu und die Vorurteile gegen dieses Handwerk zu nehmen. Ihre Designs sind schlicht, zeitlos und modern. Vor allem aber: nahbar.

    Genau darin liegt vermutlich auch das Geheimnis hinter dem Erfolg von PetiteKnit. Mette Wendelboe Okkels zeigt, dass Stricken weder ein nostalgisches Hobby noch eine komplizierte Handwerksdisziplin sein muss, für die man jahrelange Übung braucht. Vielmehr ist das Ganze ein Prozess, der entschleunigen, die eigenen Hände beschäftigen und den Kopf frei machen soll. Das steckt an. Gerade in Zeiten von Doomscrolling, KI & Co. ist es nicht verwunderlich, dass wir uns wieder nach etwas sehen, was Bestand hat. Das sich greifbar und echt anfühlt.

    Eine kleine Pause vom Lärm da draußen

    Und so wird aus einem simplen Schal plötzlich viel mehr als nur ein Accessoire. Der Sophie Scarf ist ein Symbol unserer Generation geworden. Für Selbstwirksamkeit. Für Kreativität. Für eine kleine Pause vom Lärm da draußen. Und vielleicht auch ein bisschen für das Gefühl, wieder etwas mit den eigenen Händen schaffen zu können – in einer Zeit, in der vieles immer schneller, digitaler, flüchtiger wird. Ein Projekt, das man in der Bahn aus der Tasche zieht oder abends im Café weiterstrickt, ohne dass jemand komisch guckt. Stattdessen nicken Menschen anerkennend, fragen nach der Farbe, nach der Anleitung, nach dem Garn. Und manchmal auch: Ist das von PetiteKnit?

    Stricken verbindet. Dass ausgerechnet Mette diese Bewegung angestoßen hat, wirkt fast logisch. Sie ist niemand, der etwas mit Gewalt modernisieren oder auf Hochglanz polieren will. Sie lebt vor, dass gute Ideen leise entstehen können, an Küchentischen, unterwegs, zwischen Alltag und Familienleben. Ihre Community spürt das. Und sie spürt, dass Mette all das nicht tut, um Trends hinterherzujagen – sondern weil sie selbst glaubt, dass Stricken ein Stück Lebensqualität bedeutet.

    Stricken ist heute Ausdruck von Stil, Ruhe und Haltung

    Heute folgen Mette Wendelboe Okkels Millionen. Studieren ihre Anleitungen, diskutieren Garnstärken, passen Maschenproben an und teilen stolz ihre fertigen Werke auf Social Media. Was früher belächelt wurde, ist jetzt Teil eines neuen Selbstverständnisses: Stricken ist nicht altmodisch, sondern Ausdruck von Stil, Ruhe und Haltung. Es ist ein Gegengewicht zu dem, was uns täglich überrennt. Ein analoger Anker in einer digitalen Flut. Und Mette? Sie bleibt dabei die gleiche: eine ruhige, kreative Kraft, die lieber hinter ihren Designs steht als im Rampenlicht. Die lieber zeigt als erklärt, lieber inspiriert als inszeniert. 

    Mit jedem neuen Stück, das sie entwirft, öffnet sie Türen – für Anfänger:innen, Fortgeschrittene und alle, die einfach neugierig sind. Vielleicht macht gerade das PetiteKnit so besonders: Mit jedem Design schenkt Mette Wendelboe Okkels uns ein Stück Entschleunigung zurück. Ein Gefühl, das wächst, leise und stetig, Masche für Masche. Und so wird ein kleiner Schal zu einer stillen Rückkehr zu uns selbst. Ist das nicht wundervoll?

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  • Warum ein gutes Buch als +1 auf jede Dinnerparty gehört

    Ich liebe Dinnerpartys. Das Problem: In meinem Kopf male ich mir die Abende oft spektakulärer aus, als sie letztendlich sind. Denn nicht immer haben guter Wein, leckeres Essen oder die Konstellation der anwesenden Menschen den gewünschten Effekt als Eisbrecher. Damit die Feier in Gang kommt, ist nicht selten ein Hilfsmittel notwendig. Und für mich ist das seit einiger Zeit immer öfter ein Buch.

    Neulich war ich zur Dinnerparty einer Freundin in Hamburg Winterhude eingeladen. Mein Mann war an diesem Tag beruflich verhindert. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich es auch gerne gewesen wäre. Denn die „ach so tolle“ Dinnerparty war ziemlich fad – bis auf das Essen und die Getränkeauswahl. Bei einer Dinnerparty müssen jedoch nicht nur Steak, Soße und Beilage miteinander harmonieren, sondern eben auch die anwesenden Gäste. Das ist (ähnlich wie der Garpunkt beim Lachsfilet) nur leider nicht immer so leicht vorherzusehen…

    Und so war es dann auch an jenem besagten Abend: Die Gäste kauten still und heimlich auf ihrer Pasta herum, die Musik plätscherte im Hintergrund vor sich hin und nach „Heute ist das Wetter ja wieder soo schlecht“, „Wann fahrt ihr in den Urlaub?“ gefolgt von einem „Du musst mir unbedingt das Rezept verraten“ war das Smalltalk-Kontingent für den Abend auch schon aufgebraucht, noch bevor es die Hauptspeise mit uns an Tisch geschafft hat. Um so einen Abend ganz schnell zu Ende zu bringen, könnte man natürlich ganz einfach Bauchschmerzen oder einen Notfall daheim vortäuschen. (Die Katze, der Hund, das Baby…) Oder aber, man bringt ein Buch als +1 mit und legt es demonstrativ auf den Tisch!

    „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“

    „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, hat Franz Kafka einmal gesagt. Oder in meinem Fall eben der Eisbrecher auf der Dinnerparty. So absurd die Idee im ersten Moment auch klingen mag, sie funktioniert tatsächlich. Einige Wochen später flatterte eine neue Einladung der besagten Bekannten aus Winterhude ins Haus. Sie wollte die Angelegenheit wohl nicht auf sich sitzen lassen. Diesmal war ich vorbereitet – und hatte nicht nur meinen Mann, sondern auch ein Buch im Schlepptau. 

    Meine Wahl fiel an diesem Abend auf „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“ der Autorin Philippa Perry. Gerade als das Dinner wieder in ödes Smalltalk-Geplapper abzudriften drohte, holte ich den Joker aus meiner kleinen Baguette Bag hervor. Aus den neugierigen, verwirrten und auch fragenden Blicken wurde jedoch ziemlich schnell eine angeregte Diskussion, die dem Abend eine völlig neue Dynamik gab. Als hätte ich den Schlüssel für ein längst vergessenes Tor gefunden. Seither hat neben Lippenstift, Parfüm, Handcreme und Kaugummi auch immer ein guter Schmöker einen festen Platz in meiner Handtasche.

    Ob wir durch Instagram, Homeoffice, WhatsApp und auch die Pandemie verlernt haben, richtig zu kommunizieren? Vielleicht. Umso schöner ist doch die Gewissheit, dass es oft die kleinen Dinge im Leben sind, die Großes vollbringen können. Probieren Sie es am besten gleich mal aus!

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  • Warum Bücher das beste Mittel gegen Fernweh sind

    Ich werde dieses Jahr nicht in den Urlaub fahren. Darüber könnte ich mich jetzt tierisch aufregen – oder das Problem selber lösen. Naja, leichter gesagt als getan. Eine eigene Insel kaufen oder den Flugschein machen, ist mir für ein wenig Dolce Vita dann noch zu kostspielig und verrückt. Eine günstigere und schnellere Lösung muss also her. Und zwar schnell. Und die liegt oft näher als gedacht.

    Sommer in der Stadt? Nicht mit mir

    Es soll tatsächlich Menschen geben, die nie in den Urlaub fahren. Die einfach ihr ganzes Leben lang an Ort und Stelle bleiben. Also quasi „daheim“. Für mich völlig unvorstellbar. Ein Sommer daheim, oder gar in der Stadt? Schlimmer geht’s nicht. Ein Sommer in der Stadt fühlt sich für mich immer wie das Innere eines Backofens an: heiß, stickig, unerträglich. Wer tut sich sowas schon freiwillig an? Grund genug, nur das Nötigste in den Koffer zu werfen und ganz schnell das Weite zu suchen.

    Völlig übermüdet an der Sicherheitskontrolle stehen, das Kribbeln kurz vor der Landung, nach einem Tag am Strand ein Nickerchen machen, leichte Kleider am Körper und Sonne im Herzen tragen, wie eine ausgekippte Flasche Sonnencreme duften…. Die Liste mit schönen Erinnerungen an den Sommer ist lang. Ich könnte noch ewig so weiter machen, aber dann würden Sie wahrscheinlich irgendwann einschlafen oder diese Seite wegklicken. Und das war nun wirklich nicht meine Absicht, als ich meine Juni-Kolumne geschrieben habe. Was macht also ein Mensch, der jedes Jahr in den Urlaub fährt – und plötzlich nicht wegfliegen kann?

    Die Schattenseite des Urlaubs ist meine neue Sonnenseite

    Von organisatorischen Gründen wie bei mir einmal abgesehen: Alleine bin ich damit dieses Jahr ganz sicher nicht. Die Inflation hat Urlauben teuer gemacht und seit dem Ende der Corona-Pandemie teilt man sich den Platz leider längst nicht mehr nur mit Zikaden, streunenden Katzen oder ein paar Fischen, sondern eben auch wieder mit vielen Touristen. Auf diese Massen im Flugzeug, Hotel, am Strand, in der Stadt und in den Wäldern kann ich gut und gerne verzichten. 

    Ob ich gerade die Schattenseiten des Sommerurlaubs für mich entdecke, damit das Fernweh in mir endlich Ruhe gibt? Gut möglich. Denn genau diese Schattenseiten können tatsächlich ihre Vorteile haben. So lässt sich der Schmerz wenigstens ein bisschen lindern, wenn die Sehnsucht mal wieder zu groß wird. So wie jetzt, während ich mir einen Schlusssatz für diese Kolumne überlege uns gedanklich eigentlich am Strand liege. Zusammen mit meinem Mann – und einem dritten im Bunde: der Urlaubslektüre. Denn genau die ist es, die sich diesen Sommer (trotz Urlaubsmangel) als echter Joker und Lebensretter für mich entpuppt hat.

    Sorry, ich befinde mich die nächsten 30 Seiten im Urlaub!

    Vor einiger Zeit bin ich auf ein charmantes kleines Büchlein von Erika und Klaus Mann (die Kinder von Thomas Mann) gestoßen. Es trägt den Titel „Das Buch von der Riviera“ und tut genau das, was der Titel verspricht. Es befördert den Lesenden genau dahin, wo er gerade nicht sein kann: in den Urlaub. Während ich beim Lesen in einem schicken Cabrio an der Côte d’Azur entlang brause und mit irgendwelchen artsy people Champagner schlürfe, liege ich auf dem Balkon in der Stadt. Davon bekomme ich auf den nächsten 30 Seiten jedoch kaum etwas mit. Mein Mann sieht mich nur verwirrt an, als ich beiläufig erwähne, dass wir heute leider nicht mehr in unser Lieblingsrestaurant gehen können, weil ich doch gerade auf einem kleinen Markt in Aix-en-Provence mit einem Einheimischen über den Preis der Oliven verhandeln muss.

    Mein Flugticket? Hole ich mir diesen Sommer in der Buchhandlung

    Die Reise ist aber noch lange nicht vorbei, als ich die letzte Seite der Sommerlektüre in einem Café in Eimsbüttel erreicht habe. Ich schnappe mir einfach ein neues Buch – diesmal geht es mit „First Class von Antoine Wilson zum JFK Airport New York. Ein kleiner (und ziemlich spannender!) Zwischenstopp quasi, bevor es mich Richtung Marfa (Texas) zieht, wo der grandiose Roman „I love Dick“ von Chris Kraus spielt. Ein Roman, den ich alle paar Jahre wieder hervorkrame und immer so begeistert lese, als wäre es das erste Mal.

    Mein Heimweh? Ist seitdem kleiner geworden. Der Bücherstapel neben meinem Bett dafür umso monströser. Irgendwie will das Fernweh ja schließlich gestillt werden, wenn schon keine Zeit für eine richtige Reise bleibt. Der Sommer ist noch lang. Für die kälteren Monate habe ich übrigens auch schon vorgesorgt und in der Buchhandlung meines Vertrauens direkt ein paar neue Reiseziele geshoppt. Meine Destinationen im Herbst und Winter? Die Karibik, Singapur, North Carolina und Südfrankreich!

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  • Lasst den Regenbogen endlich in Ruhe

    Wenn ich an meine Oberstufenzeit zurückdenke, habe ich vor allem A. in ihren Kleidern, mit dem roten Lippenstift und dem latent genervten Blick in Erinnerung. Sommer 2008: Ich war gerade auf Klassenfahrt und teilte mir gemeinsam mit vier anderen Mitschülerinnen ein Zimmer. Darunter auch A. Natürlich wurde auch viel über Jungs gequatscht. Den ersten Kuss, das erste Date, das erste Mal. Nur A. blieb stumm und den anderen diese Tatsache natürlich nicht verborgen.

    A. war anders – und genau das war das Problem

    „Und du, A.? Mit wie vielen Jungs hast du schon rumgemacht?“, fragte C. in die Runde. A. lag auf ihrem Hochbett und blätterte in einer Zeitschrift. „Mit keinem, ich bin lesbisch“, sagte sie dann – ohne aufzusehen. Der Schock stand den anderen ins Gesicht geschrieben. Wie damals, als Nick Carter seinen Ausstieg bei den Backstreet Boys bekannt gab. Nur ohne die Tränen. „Du siehst gar nicht wie eine Lesbe aus“, erwiderte C. daraufhin. Nach der Klassenfahrt war alles anders. A. wurde fortan mit komischen Blicken belegt, hinter vorgehaltener Hand ausgelacht und als „falsches Mädchen“ bezeichnet. Ich konnte die Gedanken meiner Mitschüler damals nicht nachvollziehen. Für mich war A. wie jeder andere Mensch auch. Mit dem feinen Unterschied, dass sie Frauen und nicht Männer begehrte.

    „Das ist doch nur wieder son‘ blöder Trend“

    Was damals noch für Aufsehen sorgte und sogar als „falsch“ angesehen wurde, gilt mittlerweile zum Glück als völlig normal. Immer mehr Menschen bekennen sich offen zu Ihrer Sexualität. Und das ist gut so. Nichts ist schlimmer, als ein ständiges Versteckspiel zu führen. Die LGBT und LGBTQ+ Community haben in den vergangenen Jahren Großartiges vollbracht. Niemand muss sich mehr verstecken. Theoretisch. Im echten Leben sieht das leider immer noch ein wenig anders aus „Das ist doch nur wieder so ein Trend“, „Hört endlich auf damit“ oder „Was soll der Müll?“ sind nur ein paar der Sätze, die ich in der Bahn, im Supermarkt, auf Instagram und sogar in meiner Lieblingsbar aufgeschnappt habe. Sätze, die mich fassungslos machen. Weil ich sie nicht verstehen kann. Was ist so falsch daran, anders zu lieben oder zu sein?

    Ich mag keine Kuhmilch, trinke dafür am liebsten Hafermilch, ich schaue kein Fernsehen, dafür aber Filme und Serien auf Netflix und Co. Mit Schokolade kann ich nichts anfangen, Lakritz liebe ich dagegen abgöttisch. Jeder von uns teilt andere Vorlieben. Nicht nur im Hinblick auf Süßigkeiten, Berufswünsche oder Lieblingsbücher, sondern auch, was die eigene Sexualität angeht. Nur weil meine beste Freundin keine Katzen mag, gehe ich ja noch lange nicht mit einer Fackel auf sie los und erkläre ihr, wie falsch ihre Einstellung doch ist. Genauso absurd wie das Katzen-Beispiel empfinde ich auch das ständige Wiederkäuen der Aussage, dass „dieses LGBTQ-Dings nur wieder so ein bescheuerter Trend“ sei, dem alles und jeder jetzt irgendwie hinterherrennen muss. Genau DAS ist es eben nicht.

    „Ist die jetzt etwa auch lesbisch?“

    Für viele Menschen beginnt tatsächlich erst jetzt ihr richtiges Leben. Fernab vom ewigen Versteckspiel und der Angst, auf Ablehnung und Schikane zu stoßen. So war es auch bei A. Einige Wochen nach der Klassenfahrt setzte ich mich in der Pause neben sie. Mir war klar, dass dieser Moment in die Geschichtsbücher unseres städtischen Gymnasiums eingehen würde. Ich überhörte Sätze wie „Ist die jetzt etwa auch lesbisch?“ und „Schaut mal, das neue Liebespaar“ und lauschte stattdessen ihrer Geschichte. Ihrer Verzweiflung, Angst und dem Wunsch, endlich Anerkennung und Respekt zu erfahren.

    Das war vor gut 15 Jahren. Ich habe keinen Kontakt mehr zu A. Ich bin mir jedoch sicher, dass sie heute zufriedener und glücklicher ist als damals. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein Leben zu führen, das nur auf den Wünschen, Träumen und Wertvorstellungen anderer Menschen basiert. Oder würden Sie gerne Ihr ganzes Leben lang Schwarz tragen wollen, obwohl Sie bunte Kleidungsstücke viel lieber mögen – oder (noch schlimmer) keine Bücher mehr lesen dürfen, obwohl genau das Ihre größte Leidenschaft ist?

    LGBTQ ist kein Trend, sondern einer Lebenseinstellung

    Sich über die eigene Sexualität bewusst zu werden, ist nicht leicht. Schon gar nicht, wenn einem in der Vergangenheit oft eingeredet wurde, wie falsch es doch ist ‚anders‘ zu denken und zu fühlen. Ganz egal, von welchem Thema wir auch sprechen. Hört auf, die Menschen in Schubladen zu stecken und lasst sie stattdessen lieben und leben, wen sie wollen. Woher wissen wir schon, was richtig und was falsch ist? Weil unsere Eltern uns etwas anderes vorgelebt haben oder Arbeitskolleg:innen und Freund:innen einen anderen Weg gehen als wir? Bullshit. Es geht auch nicht darum, anderen Menschen die eigene Lebenseinstellung aufzuzwingen. Es geht um den Respekt und die Selbstverständlichkeit, die wir anderen Angelegenheiten in unserem Leben längst entgegenbringen. Zum Beispiel, dass einige Frauen auch ohne Kinder glücklich sein können UND dürfen oder Depressionen eben nicht nur was mit „schlechter Laune“ zu tun haben.

    Je mehr wir über das Thema LGBTQ + & Co. sprechen, desto selbstverständlicher wird es irgendwann für uns. Und, mal ehrlich: So ein schwarz-weißer Regenbogen ist ja auch irgendwie ziemlich langweilig, oder?

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  • Nicht alle Frauen sind geborene Mütter

    „Irgendwann werde ich Kinder haben“, sagte meine Jugendfreundin J. mit 14 mal zu mir. Da saßen wir gerade auf der Schaukel auf unserem Lieblingsspielplatz, teilten uns eine gemischte Tüte von Kiosk und lauschten der neuen Bravo Hits 2003. Ich war überrascht über ihren Satz. Ich hatte bis dato nur Pferde und Bücher im Kopf, dachte mir aber: Das wird sich schon irgendwann ändern. Mamas sind Frauen und Frauen sind Mamas. Das war damals einfach so. Tat es aber nicht. Auch nicht mit 31. Auch nicht jetzt, während ich diesen Text tippe.

    Ich habe einen Job, einen Mann, zwei Katzen und lebe auf einem wunderschönen Resthof. Ich habe alles, was ich jemals wollte. Wenn ich den Stimmen um mich herum lausche, scheint das aber nicht genug zu sein. Etwas fehlt. Etwas ganz Entscheidendes.

    Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden?

    „Wo bleibt das Kind?“, „Du hast aber einen gesunden Appetit. Isst du jetzt für Zwei?“ oder „Und, seid ihr schon schwanger?“ waren nur ein paar der Sätze, die mir im Gedächtnis geblieben sind – und die ich am liebsten ganz schnell wieder vergessen hätte. Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und selbst Fremde schienen sich mehr für meinen Uterus zu interessieren, als ich selbst. Aus dem Fragen-Knäuel meiner Mitmenschen spann’ ich mir mit Anfang 20 eine ganz eigene Frage, die mich bis in meine frühen Dreißiger verfolgen sollte: Bin ich normal? Und wenn nicht: Wann würde ich normal werden? Eine gute Bekannte und Mutter eines kleinen Sohnes meinte mal zu mir, „Du spürst, wenn du ein Kind willst.“ Ich versuchte, in mich hineinzuhorchen. Es blieb stumm. Stumm in meinem Uterus, stumm in meinem Kopf und stumm in meinem Herzen.

    Die Stummheit machte mir Angst. War etwas kaputt in mir? Meine Suche nach Gleichgesinnten blieb vergeblich. Überall um mich herum schossen die Babys wie Frühlings-Krokusse aus dem Boden. Vielleicht musste ich einfach mehr auf diesem Boden umherwandern, um mich mit dem Babyfieber zu infizieren? Ich nahm Babys auf den Arm, ließ mich ansabbern, verkleidete mich von Kopf bis Fuß und las ein Kinderbuch nach dem anderen vor. Die Stummheit wurde zu einer Art Taubheit, die ich mir nicht erklären konnte. Bis mir Sheila Heti die Augen öffnete.

    (K)eine Laune der Natur

    An einem Januarmorgen im Jahr 2018 ging ich wie jeden Monat meinen Stapel mit druckfrischen Rezensionsexemplaren durch, um geeignetes Material für eine geplante Buchvorstellung zu finden. Als ich „Mutterschaft“ von Sheti im Stapel entdeckte, pausierte ich kurz. Da war es wieder. Dieses Wort, zu dem ich nicht fähig war. Mutter. Mutterschaft. Ich legte das Buch ganz nach unten in den Stapel. Nur um es am Abend wieder hervorzuholen und darin zu lesen. Meine anfängliche Skepsis wurde ziemlich schnell von einer „Ja, ja, ja!!“-Walze plattgemacht. Ich fühlte mich zum ersten Mal verstanden, gesehen, gehört und normal. Normaler als normal. Denn: Was für andere selbstverständlich ist, muss für uns noch lange nicht die Norm sein. Oder Teil des eigenen Lebens werden.

    Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt

    Nach dem Lesen schien die verschollene Stimme in mir so stark wie nie zuvor. Ich wusste plötzlich, wer und was ich nicht war: Mutter. Ich liebe es, morgens ewig lange im Bett herumzublödeln, mir einen Kaffee zu kochen und in guten Magazinen und Büchern zu stöbern. Ich muss die Gewissheit haben, dass ich jederzeit spontan meine Sachen packen kann, um mit meinem Mann auf unsere Lieblingsinsel Ibiza zu fliegen. Ich bin unausstehlich, wenn ich vom Leben in den Schwitzkasten genommen werde und müsste mit meiner dramatischen Persönlichkeit eigentlich längst einen Oscar gewonnen haben. Fakt ist: Ein Kind könnte mich gar nicht aushalten – und umgekehrt. Das zu akzeptieren, war wie eine Erlösung für mich. Danke Sheila.

    Muttersein betrachte ich heute anders. Entspannter. Eine gute Mutter ist für mich nicht nur eine Frau, die sich dazu entschließt, die Welt mit einem Kind zu bereichern. Eine gute Mutter ist auch eine Frau, die sich bewusst gegen ein Kind entscheidet. Ganz egal, wie die Menschen um einen herum das finden.

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  • BRIGITTE WIR PORTRÄT „ALLES IM RAHMEN“