Du ziehst morgens deine Lieblingsjeans an. Die, die du seit Jahren hast. Die, die immer passt. Du denkst nicht darüber nach. Warum auch? Später, irgendwo zwischen U-Bahn und Coffee to go, öffnest du Instagram:
„Meine Flohmarkt-Funde der Woche“
„Rennt zu Zara, H&M, Mango…“
„Wenn du das trägst, bist du out – nimm lieber das“
„Das habe ich diese Woche auf Vinted gekauft“
Und plötzlich fühlt sich diese eine Jeans nicht mehr einfach nur richtig an, sie fühlt sich falsch an. Als würdest du hinterherhinken. Als wäre es nicht ganz richtig, dass du deine Kleidung nicht im Wochentakt austauschst. Dass dein Alltag keiner QVC-Werbesendung gleicht und sich nicht ständig verändert. Dabei ist genau das der Punkt: Dein Alltag ist normal. Nur siehst du ihn online kaum.
Zwischen Normalität und Instagram-Wirklichkeit
Es ist übrigens nicht nur deine Lieblingsjeans, die völlig normal ist. Es ist das ganze Drumherum. Die Tasche, die du immer wieder trägst. Weil da alles reinpasst, was du brauchst. Deine Sneaker, die nicht „out“ sind, sondern einfach noch gut. Dein Hoodie, den du schon unzählige Male gewaschen hast, der deshalb aber nicht schlechter geworden ist. Deine Lidschattenpalette, die viel länger hält, als du zugeben würdest. Dein Parfum, das nach fast zwei Jahren immer noch so gut wie voll ist. Dein Urlaub, der nicht jeden Monat, eher einmal oder zweimal im Jahr stattfindet. Und dann nicht am anderen Ende der Welt, sondern an Orten, die sich vertraut für dich anfühlen. Es ist dein Smartphone, das seit Jahren funktioniert und noch nicht durch das neue iPhone 50 ersetzt wurde. Oder die Stulle mit Butter, die du immer noch an jenem Esstisch isst, der dich schon durch unzählige Ups and Downs in deinem Leben begleitet hat. Von der Abschlussprüfung bis zur Hochzeit. Währenddessen verwendest du das Geschirr aus deiner ersten Wohnung, statt neues zu kaufen. Nicht, weil du es dir nicht leisten könntest. Es gibt einfach keinen Grund dafür. Nicht zu vergessen die Wochen, in denen nichts gekauft wird. Wirklich nichts. Kein Paket, kein spontaner Kauf, kein „ich brauchte das noch“. Einfach nur Tage, die vergehen, ohne dass etwas Neues dazukommt. Die Tage, die sich wiederholen, ohne dass du sie dokumentierst. Der Kaffee am Morgen, der einfach nur Kaffee sein darf. Und kein Mocha-Hazelnut-Matcha-Dreamgirl-Latte. Deine Mahlzeiten, die nicht fotogen sind, aber satt machen und gut schmecken. Routinen, die nicht optimiert werden, weil sie funktionieren. Ohne Setup, ohne Gamechanger, ohne Show. Die Wochen, in denen du rein gar nichts „Produktives“ liest, hörst oder gebastelt hast. Die Outfits, die du einfach trägst, ohne darüber nachzudenken. Nicht übermäßig gestylt, nicht neu kombiniert, nicht dokumentiert. Einfach angezogen. Weil du dich vernachlässigst? Nein, weil das Einfache sich manchmal einfach am besten anfühlt. Deine Haut, die nicht jeden Tag „glowt“, die einfach Haut ist und Haut sein darf. Mal besser, mal schlechter, meistens irgendwo dazwischen. Ohne Vorher-Nachher, ohne sichtbare Transformation. Deine Wohnung, die nicht ständig umdekoriert wird. In der Dinge jahrelang am gleichen Platz stehen können und dürfen. Die nicht saisonal „neu gedacht“, die einfach bewohnt wird. Seit mehreren Jahren sogar schon. Weil es für einen Tapetenwechsel manchmal schon genügt, einfach die Küche neu zu streichen, statt fünfmal im Jahr in eine andere Wohnung zu ziehen.
Wenn gewöhnliche Dinge von der Bildfläche verschwinden
All das hat auf Instagram keinen Platz. Oder besser gesagt: immer noch viel zu wenig. Nicht, weil es unwichtig wäre, es lässt sich einfach schlechter in einem Reel oder Foto verpacken. Es gibt keinen Spannungsbogen, kein Vorher und Nachher, kein sichtbares Ergebnis. Denn, wie filmt man eine Creme, die seit sechs Monaten zuverlässig ihren Job macht? Wie erzählt man von Kleidung, die einfach getragen wird? Wie inszeniert man einen Alltag, der nicht optimiert, der einfach nur gelebt wird? Wie zeigt man eine Woche, die sich nicht unterscheidet von der davor? Wie verkauft man Zufriedenheit, die keinen Anlass hat? Denn das, was du und ich da auf Instagram sehen, ist kein realistischer Durchschnitt. Es ist eine Abfolge von Dingen, die Aufmerksamkeit erzeugen sollen: neue Käufe, neue Routinen, neue Versionen. Was dabei konsequent fehlt, ist das Dazwischen – also genau der Teil, aus dem unser tatsächliches Leben besteht. Die langen Phasen, in denen nichts ersetzt wird. Die Wochen, in denen man einfach das benutzt, was da ist. Die Routinen, die sich nicht verändern, weil sie sich bewährt haben. Auch das lässt sich nur schwer erzählen, weil es schlichtweg „unspektakulär“ ist. genau deshalb erzählen die wenigsten davon. Und obwohl wir das wissen und auf Instagram immer öfter auch das Gegenteil zu sehen bekommen, können wir uns nur schwer davon lösen. Akzeptieren, dass unser Leben okay ist, wie es ist. Und so verschiebt sich mit der Zeit der Maßstab immer weiter. Und was passiert mit der Normalität, wenn man sie an Orten wie Instagram oder TikTok nur noch selten oder gar nicht mehr sieht? Sie verliert mit der Zeit an Selbstverständlichkeit. Plötzlich wirkt es ungewöhnlich, Dinge lange zu behalten. Ungewöhnlich, nicht ständig etwas Neues zu brauchen. Ungewöhnlich, zufrieden zu sein mit dem, was da ist.Was das mit uns macht, zeigt sich oft erst später. Nicht beim Scrollen selbst, sondern danach. In dem Moment, in dem man wieder im eigenen Alltag ankommt und beginnt, Dinge zu hinterfragen, die vorher einfach funktioniert haben, die gut waren. Der eigene Kleiderschrank wirkt plötzlich uninspirierend, obwohl sich faktisch nichts verändert hat. Routinen fühlen sich auf einmal festgefahren an, obwohl sie den Alltag tragen. Genau an diesem Punkt wird sichtbar, in was für einer verdrehten Realität wir mittlerweile leben.
Wir müssen unser Leben nicht regelmäßig „aktualisieren“
Durch all das entsteht ein Druck, der nicht nur zum Kauf verleitet. Er führt auch dazu, sich ständig neu erfinden zu müssen. Dinge schneller zu ersetzen, Routinen öfter zu hinterfragen, das eigene Leben regelmäßiger zu „aktualisieren“. Nicht aus Notwendigkeit, eher aus einem Gefühl heraus, es zu müssen. Dieses Gefühl entsteht im Vergleich. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Und genau das müssen wir uns wieder bewusst machen. Die meisten Menschen leben nicht in dieser permanenten Dynamik, die Instagram, TikTok oder YouTube uns vorgaukeln. Sie kaufen Dinge, wenn sie sie brauchen. Sie behalten sie, solange sie funktionieren. Sie finden Routinen und bleiben dabei, weil sie den Alltag einfacher machen. Ihr Leben besteht letztendlich zu großen Teilen aus Wiederholung. Nicht, weil ihnen nichts Besseres einfällt oder weil sie langweilig sind. Das alles ist kein Stillstand, es ist Stabilität. Und die ist, in einer Welt, die ohnehin nur noch im Chaos zu versinken scheint, wichtiger denn je.
Die eigentliche Herausforderung liegt nicht darin, sich selbst immer wieder anzupassen. Sie liegt darin, den eigenen Maßstab wieder einzuordnen. Sich klarzumachen, dass ein Leben nicht weniger wert ist, nur weil es nicht ständig neue Impulse liefert. Dass Dinge, die funktionieren, nicht ersetzt werden müssen. Dass ein Alltag, der sich wiederholt, genau das tun darf. Und nein, du sollst auf Instagram jetzt natürlich nicht allen entfolgen. Aber vielleicht einfach mal genauer hinsehen. Es gibt sie, diese Accounts, in denen das echte Leben nicht zu kurz kommt. Die inspirieren, ermutigen, einfach ein gutes Gefühl vermitteln. Und ja, vielleicht wird hin und wieder auch das eine oder andere Produkt in die Kamera gehalten. Dann aber nicht wie auf einem Basar, wo sich das Angebot jede Woche aufs Neue ändert, sondern weil man wirklich einen Mehrwert darin sieht. Für sich und seine Community. Accounts, die einen durchs Schlüsselloch blicken lassen und zeigen: Alles ist gut. Du musst nicht jede Woche die neueste Version von dir selbst werden, um cool zu sein oder geliebt und akzeptiert zu werden. Und vielleicht reicht genau dieser kleine Perspektivwechsel. Um zu erkennen, dass das Sichtbare nur ein Ausschnitt ist – und kein Maßstab, an dem wir uns messen sollten.

